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Full text of "Die Lehre von den Leidenschaften bei Hobbes und Descartes ..."

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Die Lehre 
von den Leidenschaften 

bei 

Hobbes und Descartes. 



Inauguraldissertation zur Erlangung der Doktorwürde 

der 

hohen philosophischen Fakultät 
der Georg-Augusts-Universität zu Göttingen 

vorgelegt von 

LUDWIG HAEALD SCHÜTZ 

aus Traunstein in Oberbayern 

Lehrer für Mathematik und Physik an der Kgl. höheren Maschinenbauschule 
zu Hagen in Westfalen. 



_^<^___- 



Hagen i. W. 1901. 
Druck Ton Bald A Krüger. 



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Referent: 
Herr Geheimrat Prof. Dr. Bau mann. 



Tag der mündlichen Prüfung: 
12. Juni 1901. 



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Seinem väterlichen Freunde 



Herrn Professor Dr. Ernst Abbe 
in Jena 



ge^vidmet. 



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Inhaltsverzeichnis. 



Einleitung VII 

Kapitel I. 
Die Lehre von den Leidenschaften vor Hobbes und 

Descartes 1 

Kapitel II. 
Hobbes 34 

Kapitel III. 
Kritik der Lehre des Hobbes 55 

Kapitel IV. 
Descartes 62 

Kapitel V. 
Kritik der Lehre des Descartes 86 

Kapitel VI. 
Hobbes und Descartes 93 

Rückblick und Ausblick 104 

Namen- und Sachregister 109 

Lebenslauf 119 



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V iele Gründe lassen es mir gerechtfertigt 
erscheinen, ein Kapitel aus der Geschichte der Lehre 
von den Leidenschaften zum Gegenstand der folgenden 
Monographie zu machen. 

Die Gemütsbewegungen verdienen schon die 
Aufmerksamkeit des Laien, der sie oft sehr unliebsam 
an seinen Mitmenschen und genugsam an sich selbst 
gewahr wird, der das Theater besucht und in Concerte 
geht, um sich mit voller Absicht den dadurch er- 
folgenden Gemütserregungen hinzugeben und der aus 
gleichem Grunde seine Freude an Gemälden oder 
an aufregendem Sport hat. 

Ein weit höheres Interesse aber muss den ver- 
schiedenen Lehren über die Entstehung und Be- 
deutung unserer Affekte der Psychologe entgegen- 
bringen. 



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VIII 

So begegnet man denn auch in der heutigen 
philosophischen Litteratur einer grossen Zahl 
durchaus verschiedener Ansichten über diesen 
Gegenstand. 

Während die einen die Affekte als etwas ansehn, 
das bei höherer Kultur vielleicht ganz verschwinden 
wird ') und in rein körperlichen Zuständen begründet 
ist, erklärt sie ein anderer durch das Auftreten zu 
kleiner oder zu grosser Vorstellungsmengen ^) und 
ein dritter^) lehrt, dass die Willensvorgänge im 
Grunde genommen nur eine besondere Klasse von 
Affekten sind, so dass wir z. B. die Entstehung 
der Sprache und überhaupt alles, was wir thun, 
den von jenen erstgenannten Philosophen so niedrig 
taxierten Aflfekten verdanken. 

Da ist es nun nicht uninteressant, einen Blick 
in die geschichtliche Entwicklung jener 
Lehren zu werfen. Vielleicht bedarf jedoch die 
Wahl und Gegenüberstellung der beiden Philosophen 



1) cf. Lange 0., Über GemUtsbeweKungen. Eine Psycho-physiologische 
Studie. Autor. Übers, v. Dr. Kurella. Leipzig. Thomas. 1887 pag. 79, 80, 
jedoch schwebt Über diesen Ausführungen ein leichter Hauch von Selbst- 
ironie besonders, wenn man sie mit dem Anfang der Studie vergleicht. 

2) Herbart, Psychologie als Wissenschaft § 106 cit. von Eisler 
Wörterbuch der Philosophischen Begriffe und Ausdrücke. Berlin 1900. 
Artikel Affekt. 

<*) W u n d t , Völkerpsychologie. Eine Untersuchung der Entwickelungs- 
gesetze von Sprache, Mythus und Sitte. I. Bd. Sprache 1. Teil Leipzig. 
Engelmann. 1900 pag. 52 und pag. 245 f. „Schmerzensschrei**, „Watschrei*** 



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IX 

DESCARTES und HOBBES noch einer kurzen 
Begründung. 

Zunächst verdienen beide Lehren schon allein 
dadurch Beachtung, dass sie die Gedanken zweier 
so hochstehender Forscher über ein wichtiges 
Gebiet der Psychologie darstellen. Allein es 
lassen sich auch specielle Vorzüge gerade ihrer 
Lehren unschwer angeben. 

So schreibt TÖNNIES über die Lehre des 
Hobbes von den Affekten: 

„ . . . Hiermit hängt denn seine Lehre 
von den Affekten oder Passionen aufs 
engste zusammen, worin er, nicht ohne 
Vorbilder der Alten sich anzueignen, eine 
oft bewunderte Meisterschaft des Urteils und 
der Darstellung entwickelt hat." ^) 

Und WUNDT spricht sich über das in Frage 
kommende Werk des Descartes, wie folgt, aus: 
„Einen ähnlichen Wandel wie Empfinden 
und Fühlen haben nun im Laufe der Zeit 
die Begriffe Affekt imd Leidenschaft erfahren. 
Wenn das letztere Wort zuerst gegen Ende 

^) Tönnies, Hobbes Leben und Lehre. Stuttgart. Frommans Verlag. 
1896. Bd II. von Frommanns Klassikern der Philosophie, herausgegeben 
von Richard Falkenberg. pag. 180. 



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des 17ten Jahrhunderts in der Form eines 
Versuchs auftritt, den französischen Ausdruck 
der „Passions de täme*^ ins Deutsche zu 
übertragen, so dürfen wir darin wohl einen 
Beweis für den Einfluss erblicken, welchen 
Descartes berühmtes Werk über die Leiden- 
schaften auf die damalige Zeit übte. In 
der That ist die ganze Bedeutungs- 
entwicklung der Wörter „Affekt" und 
„Leidenschaft'' von diesem Werk aus- 
gegangen." ^^ 

Weiter entwickelt Descartes in den ,yPassions 
de üäme^* auch seine bekannte Lehre vom Sitz der 
Seele in der Zirbeldrüse, sowie die Art, in der sie 
durch das Medium der Lebensgeister auf den Körper 
einwirkt. 

Bei Hobbes aber werden wir manche wichtigen 
späteren Lehren bereits in lebenskräftigem Keime 
vorfinden. 

Da weder Hobbes noch Descartes ihrer Vor- 
gänger besonders Erwähnung thun, höchstens 
Descartes in der Weise, dass er behauptet, keiner 
habe vor ihm die Leidenschaften richtig behandelt, 



1) Wandt, Zar Lehre von den Qematsbewegaogen. Philos. Studien. 
Bd. 6. Engelmann. pag. 334. 



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so wird es gut sein, einen Blick auf die Lehre 
von den Affekten vor jenen zu werfen. 

Sehen wir dann auch, dass vieles, was ihnen 
originell zu sein scheint, schon früheren Philosophen 
vindiciert werden muss, so bleibt doch genug übrig, 
um die Werke beider Philosophen als solche von 
grösster Bedeutung für die Lehre von den 
Gemütsbewegungen, ja für die Philosophie 
überhaupt zu würdigen. 

Die Ausdrücke Affekt und Leidenschaft 
sollen in vorliegender Arbeit promiscue gebraucht 
werden. Dasselbe thut bei den älteren Philosophen 
BAÜMANN in seiner trefflichen Studie: „Ueber 
die Wertschätzung der Affekte und Leiden- 
schaften bei Philosophen verschiedener 
Völker."') Es heisst dort: 

„Wir unterscheiden heutzutage sehr geläufig 
zwischen Affekten und Leidenschaften; so 
triftig diese Unterscheidung ist, so ist sie 
gleichwohl sehr neu. Die Menschheit und die 
Philosophen haben meist beide wegen ihrer 
Verwandtschaft ungeschieden behandelt." 



1) Baumann, 6 Vorträge aus dem Gebiet der praktischen Philosophie. 
Leipzig. Hirzel 1874. I. Über die Wertschätzung dei^Affekte und Leiden. 
Schäften bei Philosophen verschiedener Völker, pag. 8. 



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Leider kam die genannte Abhandlung ebenso 
wie das schätzenswerte Buch von STEINITZER : ') 
„Die menschlichen und tierischen Gemüts- 
bewegungen als Gegenstand der Wissenschaft" 
erst nach Beendigung meiner Arbeit in meine Hände. 

Obwohl dieses letztere Werk sich nur mittelbar 
mit unserem speziellen Gegenstande berührt, so ent- 
hält es doch sehr viel Material für die Geschichte 
der Leidenschaften, wie sie in unserm ersten Kapitel 
ohne Kenntnis dieser Schrift skizziert ist. 

Auch giebt Steinitzer darin neben einer aus- 
führlichen Würdigung der einschlägigen Lehren von 
Descartes auf drei Seiten eine kurze Skizze von 
Hobbes' Theorie der Gemütsbewegungen. 

x^^x^.° !*. ' Ludwig Harald Schütz. 

Im Juü 1901. ^ 



1) Steinitzer, Die menschlichen und tierischen Gemütsbewegungen 
als Gegenstand der Wissenschaft. Biedel. München. 1889. 



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Kapitel I. 

Die Lehre von den Leidenschaften vor 
HOBBES und DESCARTES. 



Aeqitam memento rebus in arduis 
Servare meniem, non seais in bonis 
Ab insoienti temperatam 
Laetitia, moriiure DelH. 

HORAZ, Od. II, 3. 



Es kann nicht die Aufgabe dieses einleitenden 
Kapitels sein, ausführlich über die Lehren von den 
Affekten bis auf Hob b es zu berichten. Nur einige 
der Hauptpunkte mögen hervorgehoben werden. Doch 
glaubt Verfasser, dass eine ausfuhrliche Geschichte 
der Lehre von den Leidenschaften von den ältesten 
Zeiten bis zu den modernsten Versuchsanordnungen 
eine zur Zeit bestehende Lücke ausfüllen würde. 

Stihon HOMER unterscheidet eine grosse Zahl 
Affekte durch besondere Bezeichnungen. Er spricht 
von Begierde, Liebe, Freundschaft, Wohl- 
wollen, Hass, Feindschaft, Zorn, erbittertem 



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— 2 — 

Zorn, Groll, Grimm, Bewunderung, Scheu, 
Ueberraschung, Erstaunen, Scham, Hoffnung, 
Niedergeschlagenheit, Freude, Vergnügen, 
Entzücken, Frohsinn, Aerger, Trauer, Leid, 
Sorge, Mut, Kühnheit, Furcht, Angst, Mit- 
leid und Wut. 1) 

HIPPOKRATES „drang in das menschliche 
Herz, um dort den Gang und die Wirkungen der 
Leidenschaften zu verfolgen."^ Ausserdem ist er der 
eigentliche Begründer der Temperamentenlehre, 
dessen Ausfahrungen von Galen weiter ausgebildet 
wurden. ^ 

SOKRATES lehrte, dass die Erbebung über 
die Affekte das Glück bedinge.*) 



1) cf. Betzlaff, Vonehale sa Homer, I. Teil, Homerische Antiqui- 
tftten in Form eines Vokabulariums, 2. Auflage. Beriin 1881. 0. VII der 
Menseh. 0. der Geist und seine Funktionen; vgl. auch P.A. Carus, Ge- 
schichte der Psychologie. Nachgel. Werke 8 Fl. Leipzig 1806. pag. 114 ff. 

^ cf. Degerando, hUtoire comparie de» nystimes de phiiosophie conaid^ee» 
retativement aux principe» de« eotmaisaance« humaine». 2 ^d. T. 1er Paris 1882. 
pag. 492. 

8) cf. Visier, Wörterbuch der philosophischen Begriffe u. Ausdrücke. 
Berlin 1900. Mittler & Sohn unter „Temperament". 

Eine gewisse Wichtigkeit kommt der Lehre von den Tempe- 
ramenten wohl insofern zu, als hierdurch die wesentliche Bedeutung 
körperlicher Beschaffenheit auf Gemütsveranlagung ausgedrückt wird. 

Gegen die einflfeitige schablonenmftssige Anwendung d er Temperamente 
gilt dagegen, was Baumann sagt: man könne „viel mehr Temperamente 
unterscheiden, und in der Wirklichkeit lassen sich In der That diese vielen 
aufweisen.** Handbuch der Moral. Leipzig, Hirzel 1879. pag. 51. 

Eisler meint: Besser als die Einteiluug nach Temperamenten „ist 
die nach der Intensität und der Geschwindigkeit der Gemütserregungen.** 
Psychologie im Umriss. Leipzig. Schnurpfeil 1894. pag. 98. 

Bau mann teilt die Charaktere ein nach der Art des Vorwiegens eines 
der physiologisch-psychologischen Hauptsysteme (1. c. pag. 53 u. passim). 

4) cf. Seh wegler, Geschichte der Philosophie im Umriss. Stuttgart, 
Conrad! 1868. 6. Auflage, pag. 45. 



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- 3 — 

ARISTIPP und die Cyrenaiker kennen zwei 

Arten von ti«»^, Lust und Unlust/) 

PLATO betont gerade bei den Affekten sehr 

scharf die gegenseitige Abhängigkeit des 

Körpers und des Geistes. Und zwar heisst es 

im „Timäus"^): 

„Wird die Seele von heftigen Leidenschaften 
bewegt, so erfüllt sie den ganzen Körper 
durch Erschütterungen von innen mit Krank- 
heiten und löst, wenn sie allzu angestrengt 
gewissen Kenntnissen und Untersuchungen 
nachjagt, den Körper auf." 

Im „Philebus" ^) rechnet Plato Zorn, Furcht, 
Sehnsucht, Jammer, Liebe, Eifersucht und 
Missgunst unter die aus Schmerz und Lust ge- 
mischten Gefühle der Seele. 

Im neunten Buch „vom Staat"*) schildert er die 
Macht der Begierden und die Notwendigkeit, sie zu 
bekämpfen, sowohl im eigenen Interesse wie in dem 
des Staats. 

Er teilt der Seele drei Vermögen zu, die Begierde 
nach Weisheit, die Leidenschaft in derHerrsch- 
sucht gipfelnd und das Streben nach Gewinn. 

Dabei ist seine Bemerkung uns interessant, dass 
das leidenschaftliche Vermögen stets darauf gerichtet 



1) cf. Eisler I.e. unter „Affekte 

2) cf. Plato, Timäus 88. (Uebersetzung von Hieronymus Müller 
Leipzig, Brockhaas 1857. Bd. VI. pag. 216.) 

»; cf. Piato, Philebos 47. Müller. Bd. IV. pag. 720. 

«) cf. Plato, Staat IX. 580. Müller, pag. 606. Bd. V; ib. 581. 



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— 4 — 

sei, die Oberhand zu gewinnen, obzusiegen und sich 
hervorzuthun. Einer ganz ähnlichen Auffassung 
werden wir nämlich bei Hobbes begegnen. 

Schliesslich möge noch eine Stelle des „Gorgias" ^) 
angezogen werden, die einen Leser leicht dazu führen 
könnte, sie auf die Bedeutung der Affekte für 
die Entstehung der Sprache anzuwenden. 
Sie lautet: 

„Wenn nicht dieselben Leidenschaften die 
Menschen bewegten, die Einen in dieser, die 
Andern in anderer Weise, sondern jemand 
von uns eine vor andern eigentümliche Leiden- 
schaft fühlte, dann wäre es nicht leicht, 
Andern begreiflich zu machen, was sein 
Gemüt bewegt." 

Von den Werken des ARISTOTELES kommt 
vor Allem die Nikomacheische Ethik in Betracht. 

Dort heisst es : ^) 

„In der Seele bestehen dreierlei Zustände, 
nämlich erstens Gefühle und Affekte, 
zweitens Vermögen und drittens feste 
Neigungen oder Richtungen. . . 

Unter Gefühlen und Affekten ver- 
stehe ich die Begierden, den Zorn, die Furcht, 
die Kühnheit, den Neid, die Dankbarkeit, 



M cf. Plato, Gorgias 481. Müller. Bd. II. pag. 444. 
2) Aristoteles, Kikomacheische Ethik Qbers. u. erl. von v. Kirch- 
inann. Leipzig 1876. pag. 30. 



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die Liebe, den Hass, die Sehnsucht, den 
Eifer, das Mitleiden und überhaupt alle 
Zustände, vermöge deren wir zornig oder 
traurig oder mitleidig werden können." 

„Feste Neigungen und Richtungen^) 
(f|wf) sind endlich die Zustände, vermöge 
deren wir uns gut oder schlecht zu den 
Gefühlen oder Affekten verhalten." 

Zu diesen festen Neigungen gehören die 
Tugenden. 

Wie man durch Zitherspielen ein Zither- 
spieler wird, so wird man tugendhaft durch 
tugendhaftes Verhalten. 

Sehr charakteristisch und bemerkenswert mit 
Rücksicht auf die Stellungnahme anderer Philosophen 
zum gleichen Problem ist des Aristoteles „Behand- 
lung des Zorns". 

Er tadelt bei demselben nur das Zuviel, lobt 
aber das rechte Mittehalten bei demselben als nQaoTrjg," 

Ausführlich beschäftigt sich Aristoteles mit 
den Affekten auch in seiner Rhetorik. Die dort im 
zweiten Buche gegebenen Schilderungen^) der 



1) Aristoteles ib. Bd. IV, Kap. IT. v. Rirchmann bemerkt hierzu: 
,,In jedem Handeln ist ein Wollen und ein Fühlen d. h. ein Affekt enthalten 
. . . der Zorn in seiner allgemeinen Bedeutung bewegt sich nur um dieses 
ernste Wollen und Fühlen ... Er kann bei jeder Tugend und jedem Laster 
vorkommen und er bezeichnet deshalb nicht eine besondere Tugend, sondern 
ein Element in jeder Tugend .... Aus dieser Natur des Zorns . . . erklärt 
sich das Schwanken der Sitte in Bezug auf Namen und Inhalt des Zorns." 

«) Aristoteles, RhetoHca, Graeco-Lat. Oantabrlgae 1728. Ltb. II. 
Kap. I— XIX. pag. 213—310. 

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Leidenschaften der einzelnen Lebensalter 
werden mit Recht bewundert. Auch der Einfluss 
des Geldes und der Macht auf die Sitten wird lebendig 
geschildert. Gleich wie man hierdurch an La 
Bruy^re's^) glänzende Schilderung der beiden ver- 
schiedenen Charaktere mit dem jedesmaligen wuchtigen 
Schlusssatz: „II est riche, 11 est pauvre", erinnert wird, 
so hat diese Schilderung der Charaktere in der 
Rhetorik des Aristoteles einen unmittelbaren 
Schüler in THEOPHRAST, dem klassischen Vorbild 
des Franzosen. 

Ohne dass an dieser Stelle auf Theophrast's 
Charaktere weiter eingegangen werden soll, sei 
doch hervorgehoben, dass die meisterhaften Schil- 
derungen der Leidenschaften in diesem Werke von 
philosophisclier Seite viel zu wenig gewürdigt worden 
zu sein scheinen, '^) mag nun die Schrift wirklich 
unecht sein oder nicht. 

Eine eigene Schrift des Theophrast 7it()i 7i«^wy 
ist uns verloren gegangen. Nach Seneca und an- 
deren behauptete er jedoch die Naturgemässheit und 



1) La Bruyere, Les caracteres tome I. Paris. Pougin 1838. 
paftr. 202. ff. Des biens de fortune. 

2) So sagt Zell er. Die Pbilosophie der Griechen in ihrer geschicht- 
lichen Entwicklung. 2 Fl. 2. Abt. 3. Auflage. Leipzig 1879. pag. 813. 
„Die Charaktere sind nur ein dürftiger und mit mancherlei fremden Zuthaten 
vermehrter Auszug, wahrscheinlich aus Theophrast» Ethik. Auf pag. 85 
stellt er seine Vermutungen tlber die Entstehung der uns vorliegenden Form 
der Charaktere auf. Den Wert der Charaktere schildert dagegen schön 
Casaubonus vide Theophrasti Characteres ethici graece et latine 
cum notis ac emendatlonlbus Js. Casauboni etc. Cantabrigae. Typis 
Academicis. 1712. 



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— 7 — 

Unvermeidlichkeit des Zorns über das Schlechte und 
Empörende, während er im übrigen verlangt, dass 
man nicht im Affekt handle. Auch erklärt er die 
Verfehlungen der Begierde für schlimmer als die des 
Zorns, weil es schlimmer sei, aus Lust als aus Schmerz 
zu fehlen. ^) 

DEMOKRIT und EPIKUR setzten das höchste 
Gut in die Ruhe der Seele, so dass sie sich insofern 
mit ihren gleich zu besprechenden Gegnern, den 
Stoikern, berührten, wie dies Heinz e für das ethische 
Ziel beider und F. A. Lange in Bezug auf einen 
andern Punkt ihrer Ethik nachweist. ^) 

Die Lehren des Epikur und die der Stoa über 
die Affekte müssen hier schon aus dem Grunde be- 
sonders hervorgehoben \<^erden, weil Üescartes 
selbst glaubt, in seinen ethischen Sätzen die stoische 
und die epikureische Lehre zu vereinigen.^) 

Die Stoiker lehrten, dass die Affekte ein Übel 
seien. Ihre diesbezüglichen Hauptsätze seien hier 
nach Zeller, wo die Quellen einzusehen sind, kurz 
wiedergegeben. ^) 

Der Affekt oder die Leidenschaft ist die Ver- 
nunft- und naturwidrige Gemütsbewegung. Alle 
Affekte beruhen auf dem Mangel an Selbst- 



1) cf. Zeller I.e. pag. 861. Seneca de ira F, 14. 1; 12, 1-3. 

*) cf. Helnze^ Die Sittenlehre des Des cartes. Vortrag. Leipzig, 
Hinrieh 1872. pag. 23 und Lange, Geschichte des Materialismus u. Kritik 
seiner Bedeutung in der Gegenwart. 1. ö. Aufl. Iserlohn. Baedeker 1876. 
pag. 78. 

8) cf. Heinze 1. c. 

*) cf. Zeller Lc. 3,1. pag. 225 ff. 



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— 8 — 

beherrschung. Sie werden durch falsche Vor- 
stellungen hervorgerufen. Diese selbst können sich 
auf gegenwärtige oder zukünftige Güter oder Uebel 
beziehen. 

Hiernach ergeben sich vier Hauptklassen 
falscher Vorstellungen, denen folgende vier 
Gattungen Affekte entsprechen: 

Lust, Begierde, Bekümmernis und Furcht. 

Diesbezüglich sagt Baumann: „Der Virgilische 
Vers: 

hinc metuunt cupiuntque dolent gaudentque, 

schildert nach den Stoikern in unübertrefflicher Kürze 
das Sein des Menschen auf dieser Stufe." ^) 

Die Affekte sind Verfehlungen, Störungen der 
geistigen Gesundheit, und, wenn sie habituell werden, 
förmliche Seelenkrankheiten, ganz ähnlich, wie später 
Kant von ihnen als Krankheiten des Gemüts redet. ^) 

Der Weise muss von ihnen frei sein. Die Tugend 
besteht in der Freiheit von Affekten, in der Apathie. 

Dem gegenüber will nun Descartes die Menschen 
nicht von allen Affekten frei sehen. Sie bringen uns 
im Gegenteil Nutzen und Freude, nur müssen sie 
eingedämmt werden. ^) 



1) cf. Bau mann, Philosophie als Orientierung üher die Welt. 
Leipzig, mrzel 1872. pag. 13. 

S) cf. K a n t , Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. HI. Buch, § 71. 

«) cf. Heinzel.c. pag. 15, 16. Descartes, passions de r&mc 
P.I.Art. 50. P. HI. Art. 211. P. 11. Art. 62. Lettres & Mad. Elizabeth, T. IX. 
229. T. X. 304. (ed. Cousin), cf. auch Plessner, Die Lehre von den 
Leidenschaften bei Descartes. Ein Beitrag zur Beurteilung seiner prak- 
tischen Philosophie. In. Diss. Leipzig 1888. pag. 85. 



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— 9 — 

Insofern scheint also Descartes der Lehre 
Epikurs näher zu stehen. 

Doch stimmt er, wie Heinze betont/) mit den 
Stoikern überein in der Bestimmung der Affekte 
als Täuschungen des Urteils, und, wie wir sehen 
werden, zum Teil in der materiellen Auffassung der 
Leidenschaften. ^ 

Hobbes — um dies hier einzuschalten — steht 
in der Beurteilung der Affekte auf dem Standpunkt 
des Aristoteles. 

Auch ein Stoiker nähert sich in seiner Lehre 
von den Affekten dem Plato und den Peripatetikern 
und zwar kein geringerer als der durch seine universelle 
Bildung und Originalität auf den verschiedensten 
Wissensgebieten hervorragende POSIDONIUS. 

Er findet es^) ebenso wie Plato widersinnig, 
dass die Vernunft Ursache der Leidenschaften sein 
soll, zeigt den Irrtum der stoischen Lehre, dass die 
Affekte aus falschen Ueberlegungen entsprängen und 
folgt somit der Platonischen Lehre, die den Ur- 
sprung der Affekte im Mut und Begehrungsvermögeu 
finden, die beide vom Körper abhängen. 

Die Darstellung seiner Lehren findet sich bei 
Galen in der Schrift „de Hippocrate et Piatone". 



1) cf. HeiDzel. c. pag. 16. 

^ lieber diese materielle Auffassung der Leidenschaften bei den 
Stoikern cf. Lange, Gesch. d. Mat., I. pag. 72. 
3) cf. Zell er 1. c. pag. 579 von Bd. 3, 1. 



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— 10 — 

Galen hat auch in seinen andern Werken vieles 
für uns Wichtige. Er bezeichnet das Hirn als Princip 
der Empfindung und willkürlichen Bewegung; für 
andere Lebensthätigkeiten wie Affekte und unwill- 
kürliche Bewegung nennt er das Herz den Sitz.^) 

Ein grosses hier nur anzudeutendes Verdienst 
Galen s besteht in der grösseren Genauigkeit, mit 
der er die Lehre von den Nerven vorträgt, die 
Aristoteles noch nicht kannte, und die erst bald 
nach dem Stagiriten von Herophilus und Erasi- 
stratus beschrieben werden.^) 

Was uns aber besonders interessieren muss, ist, 
dass Galen bemerkt: „Nach Ansicht einiger sei die 
Zirbeldrüse, die zu Anfange des Ganges stehe, der 
das Pneuma aus dem mittleren Hirnventrikel in das 
des Kleinhirns überführe, eine Art Wächter und gleich- 
sam ControUeur {ta^uias) in Bezug auf den hinlänglichen 
Vorrat an Pneuma, der durch die Nervenleitungen den 
Organen des übrigen Leibes zugeführt werden muss." 

Er bringt somit eine Lehre, die mit der später 
zu besprechenden des Descartes grosse Aehnlichkeit 
hat, worauf Sieb eck, dem obige Stelle entnommen 
ist, bereits hinweist.^) 

Die Bedeutung Galens für die Entwicklung der 
Lehre von den Temperamenten befindet sich 



1) Siehe die Darstellung? der Lehren Galens bei Sieb eck, Geschichte 
der Psycholoprie. Gotha, Perthes 1884. I. 2. pag. 269 ff. 

2) ib. pag. 33 u. pag. 190 ff. 

3) ib. pag. 270. 



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— 11 — 

gleichfalls in Siebecks Geschichte der Psychologie 
ausführlich erörtert. 

Sehen wir nun, wie das neue Testament und 
die Patristik sich zu der Lehre von den Leiden- 
schaften verhalten.^) 

Der Affekt im allgemeinen ist weder nach der 
Lehre des Judentums (Affekte bei Gott) noch nach 
der des neuen Testamentes zu verwerfen. 

So sagt Eucken vom Christentum: Galt es 
sonst als Pflicht, die Affekte möglichst nieder- 
zukämpfen, so geht hier der Weg zur Höhe durch 
eine gewaltige Erregung der Affekte. ^) 

In der That wird Christus bewegt von Traurig- 
keit (Matth. 26,38 ;Joh.l 1,33), Wehmut (Luc. 19, 41), 
Angst (Lucas 22, 44), Mitleiden (Matth. 9, 36; 
Lucas 7, 11 u. f.), Entrüstung (Matth. 21, 12; Joh. 
2, 14—17; Marc. 3, 5), Freude und Entzücken 
(Lucas 10, 21), und zwar teilweise sehr stark 
(Marc. 3,21; Lucas 22,44; Joh. 11,33, Lucas 19,41). ^) 

Und liegt nicht der Kern des Christentums in 
einem veredelten Affekt: in der Liebe? ^) 



1) Siebeck ib. pa^. 283 f. 

3) cf. E u c k e n , Die Lebensanschauungen der grossen Denker. Leipzig. 
Veit & Comp. 1890. pag. 167, 168. 

8) Die hier gegebene Zusammenstellung über die Affekte Christi ist 
der Realencyklopädie für protestantische Theologie u. Kirche von Herzog, 
Hamburg 1854, entnommen. 

*) 8o heisst es bei Joh. v. Salisbury: Gott ist nicht blos durch 
den Affekt der Liebe, sondern auch durch werkthätige Ausführung desselbeYi 
zu verehren. Stöckl, Geschichte des Mittelalters. Bd. 1. pag. 430. 



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— 12 — 

Auch bei den Jüngern lassen sich die Affekte 
deutlich erkennen. Während Paulus und der Ver- 
fasser der Apokalypse von sthenischen Affekten be- 
herrscht werden, ist der des Evangelisten Johannes 
mehr schmelzend. ^) 

Jedoch soll in den Affekten das rechte Mass 
gehalten werden. (Eph. 4, 26; 1. Petri 4, 8; 5, 8; 
1. Cor. 7, 30). Die Affekte aus rein persönlichen 
Gründen sollen zurücktreten (Matth, 5, 22 — 30), 
andere vorherrschen (2. Cor. 11, 29 u. a.) ^ 

Diese Auffassung der Bibel von den Leiden- 
schaften tritt sehr deutlich hervor bei TERTULLIAN. 
Er kann der Platonischen Zweiteilung der Seele 
in das Mutartige und Begehrliche nicht unbedingt 
zustimmen, denn von Gott selbst und von Christus 
werden uns ja Aeusserungen des Unwillens und 
Begehrens berichtet. ^) 

PL TIN sucht die Lehre von der Un Veränder- 
lichkeit der Seele in folgender Weise mit dem 
Bestehen der Affekte zu versöhnen: 

„Mit der Vorstellung von etwas Hässlichem 
tritt in die Seele die Scham ein, während 
nur die Seele dies gleichsam hat, .... 
wird der von der Seele abhängige und mit 
dem Unbeseelten nicht identische Körper mit 



1) Herzog 1. c. 

2) ib. 

3) cf. Ter tul Hans Psychologie und Erkenntnistheorie, dargestellt 
von G. R. Hauschild. Programm des städt. Gymnasiums zu Frankfurt 
am Main, Ostern 1880. 



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— 13 — 

seinem leichten Blute erregt. . . . Auch bei 
der Freude findet die Heiterkeit und das, 
was zur sinnlichen Wahrnehmung gelangt, am 
Körper statt; das was in der Seele vorgeht, 
ist nicht mehr Affekt.** (Ennead III, 6. 3). ^) 

AUGUSTIN definiert: 

Motus animi graeci ti«^»;, nostri autem quidam (sicut 
Cicero) perturbationes, quidam aflfectiones vel afFectus, quidam 
vero sicut iste de graeco, expressius passiones vocant. ^) 

Klar spricht sich Augustin in verschiedenen 
Schriften dahin aus, dass die Leidenschaft unbezähmt 
den Menschen zum Tier macht, beherrscht und unter- 
worfen aber nicht nur tadelfreie, sondern sogar 
löbliche Gemütserregungen hervorruft. ^) 

So ist ihm die Ansicht jener Philosophen grund- 
falsch, die behaupten, dass der Weise leiden- 
schaftslos sei. *) 

In der Beherrschung der Leidenschaften, die 
zahlloser sind als die Kopfhaare, ^) besteht die 
Seligkeit (vita beata) des Menschen. ^ 

AMBRO SIUS hatte die Zeit, in der die Seele 
von den körperlichen Bewegungen und Leidenschaften 



1) cf. Eisler 1. c. pag. 18. 

2) cf. 8. Aug. Lib. 9 de Civitate Dei cap. 4. (v. Roberti Camera- 
censis Aurifodina. Köln 1731. Art. Motus animi et corporis.) 

8) cf. S. Aug. Lib. 1 de Genesi contra Manicbaeos cap. 20. Lib. 14 

de civ. Dei cap. 6. Aurifodina 1. c. 

*) cf. 8. Aug. 8up. evang. Joan. tract. 66 de cap. 13. Aurif 1. i. 

^) cf. 8. Aug. lib. 4 confess. cap. 14. Aurif. 1. c. 

<0 cf. 8. Aug. de Genesi contra Manicb. cap. 20. Aurifod. 1. c. 



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14 



ergriffen ist, als die beste Gelegenheit für den bösen 
Feind bezeichnet, dem Seelenheil nachzustellen. ^) 

Augustin ist, wie wir sahen, davon weit ent- 
fernt, die Leidenschaften im allgemeinen zu ver- 
werfen. Er kennt „löbliche" Gemütsbewegungen — 
laudabiles motus. 

Auch dem körperlichen Ausdruck der Leiden- 
schaften schenkte Augustin seine Aufmerksamkeit. ^ 

Noch sei erwähnt, dass GREGOR VON NYSSA 
bereits eine Ansicht entwickelt, der wir später noch 
oft begegnen werden. Er unterscheidet beim Men- 
schen Seele, Geist und Logos als eine psychische 
Trinität, die der göttlichen entspricht. ^ 

Von De ge ran do wieder ans Licht gezogen 
wurden die Schriften des NEMESIÜS. Für Nemesius 
ist die Seele eine intelligente Substanz, der der 
Körper als Instrument dient. Seine Psychologie ist 
nach Degerando auf Beobachtung und Erfahrung 
gegründet und fusst auf Hippokrates, Aristoteles 
und Galen, legt jedoch den Nachdruck auf das 
psychische Moment. *) 

Mit BOETHIUS betreten wir den Boden des 
Mittelalters. 

Im Beginne seines berühmten Werkes de conso- 
latione Philosophiae wird er in einem Klagelied von 



1) cf. 8. Ambr. Lib. 1. de offlc. cap. 4. Aurif. 1. c. 

») Nonnulli motus animorum apparent in vultu, et maxime tn oculis cf. Anm. 40. 

8) cf. Siebeck I.e. I. 2. paR. 376. 

*) cf. Degerando I. c. t. IV. pag. 76. 



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— 15 — 

der Philosophie, seiner hohen Gönnerin, unterbrochen, 
die zornig die Musen fortweist, welche die frucht- 
reiche Saat der Vernunft durch das fruchtlose Dorn- 
gestrüpp der Affekte ersticken lassen. Allerdings 
hindert sie dies nicht, unmittelbar darauf ihrem 
Kummer über die perturbatio animi ihres Freundes 
selbst in Versen Luft zu machen. 

Nachdem es ihr dann allmählich gelungen, ihn 
Trostgründen zugänglich zu machen, schliesst das 
erste Buch mit den für Boethius' Auffassung ^) von 
den Affekten charakteristischen, oft citierten Versen: 

Saudia pelle, 
Pelle timorem, 
Spemque fugato. 
Nee dolor adsit. 
Nubila mens est, 
"N^inctaque frenis 
34aec ubi regnant. 

Im Jahrhundert nach Boethius haben wir 
SIMPLICIUS, der die verschiedenen Arten von 
Begehrungen auf 3 Arten von Relation der Seele, 
nämlich zu dem Leibe, zu sich selbst und zu dem, 
was über ihr ist, zurückführt. *^) 

Im siebenten Jahrhundert unterscheidet 
PHILOPONÜS die ^navfxCa von der if,vTtxj\ divafitg 



1) cf. Boethius, De consolatione philosophiae IIb. I. 

i>) cf. Simpllcius de an. II. 88 f. Siebeoki. c. pag. 345. 



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— 16 — 

das beisst, das seelische Begehren nach bestimmten 
Objekten von dem bloss organisch -körperlichen 
Drängen. ^) 

Bei ALCUIN im achten Jahrhundert be- 
gegnen wir wieder der Auffassung der Seele als 
eines Bildes der Trinität: Er unterscheidet Gedächt- 
nis, Intelligenz und Willen wie schon bei Augustin. 

Dies gilt von der vernünftigen Seele. Die Seele 
im allgemeinen zerfällt nämlich „nach den Meinungen 
der Philosophen'* in drei Teile, in den vernünfti- 
gen, irasciblen und begehrlichen. Während der 
Mensch die Begierde und den Zorn mit den Tieren 
gemein hat, überragt er sie durch die Vernunft. ^) 

Auch im neunten Jahrhundert finden wir 
wieder bei SCOTUS ERIGENA die Analogie der 
Erkenntniskräfte des Menschen mit der göttlichen 
Trinität betont. 

Nach Scotus Erigena erkennt der Mensch wie 
ein Engel, schliesst wie ein Mensch, empfindet wie 
das vernunftlose Tier, lebt wie die Pflanze und 
existiert nach Leib und Seele. 

Bei Ausführung des Bildes „der Mensch, die 
Werkstätte aller Oreaturen", heisst es: 

„Die wilden Tiere endlich drücken die ver- 
nunftwidrigen Triebe der menschlichen Natur 
aus, wie Wut, Begierde u. s. w., welche ihr aus 
den unvernünftigen Tieren eingepflanzt sind." 



1) cf. SJebeck I.e. pag. 356. 

«) cf. Stöckl I.e. (Änm. 31) Bd. 1. pag. 19. 



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— 17 — 

Der tierische Leib des Menschen ist eine Strafe. ^) 

Im zehnten Jahrhundert beginnt die Zeit 
der grossen arabischen Philosophen. 

Bei AVICENNA finden wir eine interessante 
Beziehung zwischen Wille und Begehrungs- 
vermögen. Beim Menschen werden unterschieden 
Aehnlichkeit mit der Pflanzenseele und mit der 
Tierseele, sowie die ihm eigene Vernunft. Nun wird 
wenigstens vom Tier behauptet, die bewegende 
Macht liege bei ihm im sinnlichen Begehren, durch 
dieses werde es zu aller Thätigkeit determiniert. 
Auf ein hübsches Bild, das Avicenna bei dieser 
Gelegenheit braucht, indem diese bewegende Kraft 
mit einem Fürsten, die Sinne mit Spähern und das 
Gedächtnis mit einem Schatz verglichen werden, sei 
wenigstens verwiesen. ^) 

Anders verhält es sich freilich nach Avicenna 
beim Menschen. Der hat seine Sinnlichkeit zur Strafe. ^) 

Im elften Jahrhundert findet sich bei ANSELM 
VON CANTERBURY wieder die Seele als Bild 
der Trinität bezeichnet. Er unterscheidet Gedächt- 
nis, Verstand und Wille. ^) 

ADELARD VON BATH im zwölften Jahr- 
hundert nennt in seiner Schrift de eodem et diverse 



1) cf. 8 t ö c k 1 1. c. pag. 82, 86, 100. 

8) ib. pag. 35, 38 v. Bd. 2. 

S) Ib. pag. 38. 

*) Ib. Bd. 1. pag. 182. 



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18 



Zorn und Begierde als Correktive der übrigen 
Leidenschaften. ^) 

Sein etwas späterer Zeitgenosse BERNHARD 
VON CLAIRVAUX hat die oben bei Anselra er- 
wähnten Seelenkräfte wieder als Bild der Trinität. 
Ihm ist die Seele ferner unmittelbar das Princip des 
leiblichen Lebens, der sinnlichen Empfindung und 
der Bewegung. ^) 

HUGO VON ST. VICTOR unterscheidet fleisch- 
liches und geistiges Begehrungsvermögen. ^) 

Grösseres Interesse beansprucht für uns RICHARD 
VON ST. VICTOR. Dieser zählt sieben Haupt- 
affekte auf: Hoffnung, Furcht, Freude, 
Schmerz, Hass, Liebe und Scham. Die Zahl 7 
giebt ihm Anlass zu einer merkwürdigen Symbolik, 
in der er den göttlichen Geist mit Jacob, den Willen 
mit der Lea, deren 7 Kinder mit 7 Haupttugenden 
vergleicht, die wieder nach den 7 Hauptaflfekten aus- 
geschieden werden. 

Schon hieraus sieht man, dass Richard den 
Affekten eine führende Rolle zugesteht. In der That 
ist ihm die Tugend nichts anderes als der ge- 
ordnete und in rechtem Mass gehaltene Affekt.^) 

Entsprechend nennt sein Zeitgenosse ISAAK 
VON STELLA die aus der Concupiscibilität ent- 



1) cf. StOckl I.e. pag. 209. 

a) Ib. pag. 395. 

8) ib. paff. 335. 

*) ib. pag. 372. 



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-: 19 



Springende Freude und Hoffnung und die aus der 
Irascibilität kommenden Affekte des Schmerzes 
und der Furcht die Elemente oder geraeinsame 
Materie aller Tugenden und Laster. ^) 

Ebenfalls dem zwölften Jahrhundert gehört 
Moses Maimonides an, der die Sünden und Laster 
aus der Materie entspringen lässt, während alle 
Tugenden in dem eigentlichen Wesen des Menschen 
begründet sind. Der Mensch dämpft durch die Kraft 
seines Wesens die Glut der Leidenschaften und des 
auflodernden Zorns. Die Materie aber verleitet zu 
allen unedlen Begierden und Leidenschaften. ^^) 

Bereits die CABBALAH suchte die Einkehr 
Gottes in vollständiger Passivität des Gemüts. ^) 

Das nun folgende dreizehnte Jahrhundert 
ist besonders reich an Philosophen. Für uns kommt 
zunächst in Betracht ALBERT DER GROSSE. Im 
Begehrungsvermögen unterscheidet er zunächst einen 
sinnlichen und einen intellectiveu Teil. 

Der erstere zerfällt wieder in die Concupis- 
cibilität und die Irascibilität. Die Concupis- 
cibilität will das sinnlich Gute, die Irascibilität lehnt 
sich gegen die im Wege stehenden Hindernisse auf. 
Soweit beides natürlich ist, ist es gut. Dagegen ist 
die gegen die Vernunft das Unerlaubte anstrebende 



1) cf. Stöckl 1. c. pag. 3^ 
«) ib. pag. 288 von Bd. 2. 
8) ib. pag. 248. 



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— 20 — 

Sensualität eine Folge der ersten Sünde. Der intel- 
lective Teil des Begehrungsvermögeos aber wird 
Wille genannt.^) 

Auch hier haben wir also die enge Beziehung 
zwischen Affekt und Wille betont. 

Eine eingehende Behandlung lässt den Affekten 
THOMAS VON AQUINO angedeihen. Der appetitus 
sensibilis oder das sinnliche Begehrungsvermögen ist 
eine motorische Kraft, die per modum imperantis bewegt. 
Ausführlich begründet er das Verhältnis der beiden 
Kräfte dieses Vermögens, der Irascibilität und der 
Concupiscibilität. Die erstere ist der eigentliche 
Vorkämpfer der zweiten und steht der Vernunft und 
dem Willen näher als diese. 

Die Affekte sind lebhaftere Bewegungen der 
sensitiven Seele im Bereiche des sinnlichen Begehrens. 
Sie sind verschieden, je nachdem sie unter die 
Concupiscibilität oder Irascibilität fallen. ^) 

Die folgende Tabelle ist Siebecks Geschichte 
der Psychologie ^ entnommen und giebt eine Ueber- 
sicht der sechs Grundaffekte, die Thomas aufzählt. 
Concupiscible Irascible 



Affekte 



Liebe — Hass 
Verlangen — Abscheu 
Freude — Trauer. 



Hoffnung — Verzagung 

Mut — Furcht 

Zorn. 



i) cf. Stöckl 1. c. pag. 415. 

2) ib. pag. 698 f. 

8) cf. Siebeck I.e. IS. pag. 468. 



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— 21 — 

Betreffs der weiteren Ausführung der Thomas- 
schen Lehre von den Affekten sei auf Stock 1, Siebeck 
und Frohschainmer verwiesen. ^) 

Diese Einteilung der Affekte durch Thomas 
von Aquino ist noch heute von der katholischen 
Kirche angenommen.^) Dagegen stellt Descartes 
seine eigene Neueinteilung als grundsätzlich ver- 
schieden von der alten Einteilung in isracible und 
concupiscible hin. ^) • 

Die Lehre des DUNS SOOTUS über die sittliche 
Bewertung des Begehrungsvermögens stimmt im 
wesentlichen überein mit der oben erwähnten des 
Albertus Magnus. ^) 

Der Nominalismus tritt in Gegensatz zu den 
bisher besprocheneu Lehren, indem er die Unter- 
scheidung besonderer Seelenkräfte fallen lässt. ^) 

Eine grosse Rolle spielen die Affekte bei den 
Mystikern des vierzehnten Jahrhunderts. Ihnen 



1) cf. Stöckl 1. c. Slebert 1. c Frohachammer, Die Philosophie 
des Thomas von Aqaino kritisch gewürdigt. Leipzig, Brockhaus 1889. pag. 
354 f. Die in Betracht kommenden Stellen des Thomas finden sich ferner 
besonders zusammengestellt im Artikel passio des Thomas-Lexikon von 
L. Schütz. Paderborn, Schöningh 1881. 

8) cf. Elemente der Psychologie (Heft des Repertoriums der Philo- 
sophie für Studierende der katholischen Theologie) [Nach Dr. Stöckl's 
Lehrbuch der Philosophie], Mainz, Kirchhelm 1899. pag. 30 f. 

8) cf. Descartes, passions de l'dme II Part. Art. 68. 

*) cf. StOckI 1. c. pag. 862, wo aber die grosse Aehnlichkeit der 
beiden Leliren nicht betönt wird. 

^) cf. Die Lehre des Okicam Stöckl 1. c. pag. 1017 die des Joh. 
B arid Anus ib. pag. 1023. 



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— 22 — 

ist das „Gemüt" der alleroberste Teil der Seele, 
wie Tauler sagt. ^) 

Der Mystiker Gerson unterscheidet zwei Grund- 
vermögen der Seele, das Erkenntnisvermögen und 
das Begehrungsvermögen oder Gemüt, (vis cognitiva 
und aflfectiva) im Anschluss an Richard von St. 
Victor und Bonaventura. ^ Wir werden später 
sehen, dass auch Hobbes power cogDitive und power 
motive unterscheidet. 

Wir können das vierzehnte Jahrhundert 
nicht verlassen, ohne eines Werkes zu gedenken, 
das sich vom ethischen Gesichtspunkt aus sehr ein- 
gehend mit den Affekten befasst. 

Es ist dies die Schrift des berühmten italienischen 
Dichters und Gelehrten PETRARCA: „de remediis 
utriusque Fortunae." 

Diese Schrift behandelt alle möglichen körper- 
lichen und geistigen Fähigkeiten, alle Arten von 
Besitz, alle Arten von Geschehnissen, die den Men- 
schen mit ausgelassener Freude oder mit bitterem 
Kummer, mit Stolz oder Niedergeschlagenheit erfüllen 
können. Ueber jeden dieser Gegenstände führen 
dann Freude (Gaudium) und Vernunft (Ratio) oder 
Schmerz (Dolor) und Vernunft (Ratio) ein Gespräch. 



1) cf. stock 1 I.e. pag. 1122. 

2) cf. Stock 1 1. c. pag. 1089, auch die Trinitätslehre macht ihren 
Einfluss geltend, so bei T aal er cf. Stock 1 1. c. pag. 1122. 



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— 23 — 

Für eine feine psychologische Auffassung möchte 
ich es halten, wenn hierbei Petrarca die Freude 
resp. den Schmerz den langen Mahnungen der Ver- 
nunft nur ein kurzes „aber ich bin so froh darüber" 
oder stets denselben Schmerzensausruf wieder- 
holen lässt.^) 

Im fünfzehnten Jahrhundert treffen wir 
zunächst auf den Cardinal NIOOLAÜS VON CüSA. 
Seine bei Hobbes wiederkehrende Hochschätzung 
der Mathematik spricht sich in dem Satze aus: 
„Alle grossen Männer haben, wenn sie etwas 
Grosses ausgesprochen, dasselbe in mathe- 
matischen Bildern darzustellen gesucht." 

Der Mensch is ihm die Welt im Kleinen, ein 
menschlicher Gott. Die Wirksamkeit der Seele auf 
den Leib wird vermittelt durch den Lebensgeist, 
dessen Sitz das Blut ist. ^) 

Diese Lehre von den Lebensgeistern wird uns 
später bei Descartes wiederbegegnen. 

Eine Zusammenstellung derAn sichten über 
die Lebensgeister giebt Eisler in seinem „Wörter- 
buch der philosophischen Begriffe und Ausdrücke" im 
Artikel „Lebensgeister", während in Siebeck's treff- 
licher „Geschichte der Psychologie" die Entwicklung 
dieser Theorie in ihrem Zusammenhang mit der uralten 



^) cf. Petrarca, I>tf remedü» utriusque forhtnae paasim. 
«) cf. Stöckl I.e. IIT. pag. 88. 



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— 24: — 

Pneumalehre ausführlich dargestellt ist. Wir werden 
darauf in Kapitel V. kurz zurückkommen. 

Ei 8 1er nennt vor Descartes die folgenden 
Philosophen : 

Stoiker, Galen, Nemesius, Augustinus, 
Scaliger, Telesius (Derernat. V,5), Melanchthon 
(De an. p. 135), Baco (Nov. Org. II, 7) und Hobbes 
(De corp. C. 25). 

Noch sei hier erwähnt eine Stelle des Thomas 
von Aquino: spiritus, qui est quoddam corpus subtile, 
medium est in unione corporis etanimae. Summa theologiae 76, 
7 ob. 2. 1) 

Im sechszehnt en Jahrhundert finden wir 
zunächst eine eigentümliche Ansicht über den Wert 
der Affekte bei GIORDANO BRUNO. Ihm ist die 
heroische Liebe die höchste Tugend, unter deren Ein- 
fluss wir weder Schmerzen noch Affekte mehr fühlen. ^) 
Während Giordano Bruno so in seiner Weise 
die Ataraxia der Stoiker zu seinem Ideal macht, weiss 
er demselben, um darauf hinzuweisen, dass es nicht 
in Unthätigkeit ausarten soll, doch keinen besseren 
Namen zu geben, als den eines geläuterten Affekts. 

Bei OÄSALPINUS begegnen wir wieder dem 
Lebensgeist. ^ 

Bedauert er, dass das reine Denken durch die 
Leidenschaften und Begierden des niederen Seins im 



1) cf. L. Schlitz, Thomaslexikon, pafp. 330. Art. spiritus. 
«) cf. Stock 1 I.e. pag. 133. 
8) ib. pajf. 258. 



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— 25 — 

Menschen behindert werden/) so frischt JUSTÜS 
LIPSIUS, wie in seiner ganzen Philosophie, so be- 
sonders in der Lehre von den Affekten, die Maximen 
der Stoiker auf. Nicht in der Mässigung der Affekte 
besteht die Tugend — der Weise ist ihm von den 
Affekten ganz frei. ^ 

BERNARDINUS TELESIUS findet dagegen, dass 
alle Affekte gut sind, wenn und soweit sie auf jenes 
Mass zurückgebracht werden, welches die Selbst- 
haltung auflegt.^) Jedes Wesen hat die Erhaltung 
seiner selbst zum höchsten Ziele seines Lebens.^) 

Bekanntlich ist auch Hobbes' Philosophie von 
diesem Grundsatz durchdrungen. 

THEOPHRASTÜS PARACELSÜS weist dem 
Lebensgeist wieder die Rolle des Vermittlers 
zwischen Leib und Seele zu.*) 

Nach MEL ANCHTHON zerfallen die Seelenkräfte 
in vegetative, sensitive und intellective. Bei den 
sensitiven Kräften sind zu unterscheiden die Ap- 
prehensivkraft, die Appetitivkraft und die 
locomotorische Kraft. ^) Diese Kräfte finden sich 
in etwas anderer Gruppierung und Bedeutung schon 
bei Thomas von Aquino. 



1) cf. Stöckl 1. c. pag. 

2) ib. pag. 315. 
8) ib. pag. 339. 
*) ib. pag. 338. 
5) ib. pag. 419. 
«) ib. pag. 534. 



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26 



Bei der Apprehensivkräft unterscheidet M e 1 an ch- 
tbon neben den äusseren Sinnen auch innere, darunter 
das Gedächtnis (wie schon Thomas von Aquino). 
Auch bei Hobbes werden wir später das Gedächt- 
nis als sechsten Sinn wiederfinden. Die Appetitiv- 
kraft ist der Sitz der Aflfekte. ^) 

Eine ausgedehnte Berücksichtigung der Leiden- 
schaften finden wir bei MICHEL DE MONTAIGNE, 
der in der »Preface sur les essais de Michel de Montaigne 
par sa fiUe d* alliance« geradezu ein »correcteur et scrutateur 
perpetuel des actions et des passions humaines« genannt 
wird, ^ der von sich selbst sagt: je suis moy-mesme la 
matiere de mon Liure, und der schon auf der zweiten 
Seite der Essais uns belehrt, dass er merkwürdig 
schwach gegen die Empfindung des Mitleids und der 
Milde sei, so lasterhaft auch die Stoiker diese 
Leidenschaft fänden. ') 

Im zweiten Kapitel des ersten Buches behandelt 
er dann die Trauer, im dritten die Thatsache, dass 
die Affekte uns fortreissen, was er sehr prägnant in 
die Worte fasst: Nous ne sommes jamais chez nous, nous 
sommes toujours au dela, und die Furcht, das Ver- 
langen, die Hoffnung dafür verantwortlich macht. 

Ferner bespricht er in besonderen Kapiteln die 
Furcht (L 17), das Gewissen (IL 15), die Grau- 



1) cf . 8 t ö c k 1 I.e. pagr. 534. 

>) cf. Le» etaai» de Michel aeigneur de Montaigne. EdnOQV. A. Paris. 
Loyson. 1525 Prdf. 

a) Viel stoischer ist dagegen die Auffassung in dem 10. Kapitel des 
3. Buches: De metnager aa volonte. 



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.— 27 — 

samkeit (IL 11), die Begierde (II, 15), den Ruhm 
(IL 16), die Feigheit (IL 17), den Zorn (IL 31), die 
Eitelkeit (IH. 9). 

In der Apologie de Raimond de Sebonde beklagt 
Montaigne, dass unsere von den Leidenschaften 
bewegten Gesichtszüge nicht in unserer Macht stehen. 
Ebendaselbst schreibt er den Tieren Sprache zu und 
glaubt ein in einer Einöde aufgezogenes Kind würde 
sich doch verständlich machen können. 

In mehr als einer Hinsicht interessant ist das 
zwölfte Kapitel des dritten Buches: De la Physionomie. 
Ist es schon interessant das Urteil eines so gewiegten 
Menschenkenners über die Möglichkeit einer 
Physiognomik zu vernehmen, so entwickelt er 
andererseits darin auch seine Methode zu philo- 
sophieren und zu denken, die auf eine Rückkehr von 
der gelehrten Dialektik auf die Philosophie des ge- 
sunden Menschenverstandes hinausläuft und auf eine 
ungezwungene Darstellung derselben. Er selbst über- 
lässt sich bei der Beurteilung der Mitwelt, den ihm 
von der Natur eingeflössten Neigungen: Je me laisse 
aller, comme je suis venu. 

Ueber Montaignes Schriften finden wir einen 
Reiz gegossen, der schon einige Schriftsteller des 



1) Mit dieser Fabel bildet Montaigne ein Glied der folgenden 
Reihe, von der sich einige bei Lange, Gesch. d. Mat. aufgezählt finden 
und auf die Verfasser vielleicht Gelegenheit hat, an andrer Stelle ausführ- 
Ucher zurückzukommen: Sie lautet: „Arnohiu; Ihn Tofeul. Montaigne, La Mettrie, 
Diderot, Bt^on, Bonnet, CondiUae. 



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~ 28 — 

vorigen Jahrhunderts auszeichnet, sehr bestechend 
wirkt und darüber leicht die Vorgänger verkennen 
lässt. Die grosse Natürlichkeit, das fortwährende „in 
den Vordergrund treten" der eigenen Person lassen 
trotz der Unmenge von Citaten die grosse Originalität 
des Autors voll zur Geltung kommen, während man 
im Mittelalter fortwährend bemüht ist, die eigenen 
zum Teil gleichfalls recht selbstständigen Ansichten 
stets denen anderer als Erklärung, Erläuterung, Er- 
weiterung beizugeben. ^) Bei den Schriftstellern des 
siebenzehnten Jahrhunderts wird von den Vor- 
gängern meist nur in wegwerfendem Tone gesprochen. 
Ein Schüler Montaignes, PIERRE OHARRON, 
definiert in seinem Hauptwerk „de la sagesse" die 
Leidenschaft „als eine heftige Bewegung der 
Seele in ihrem sinnlichen Lebensbereiche, welche 
zum Zweck hat, entweder ein Gut anzustreben oder 
ein Uebel abzuwehren." Als hauptsächlichste Leiden- 
schaften zählt er auf: die Liebe, das Vergnügen, 
den Hass, die Traurigkeit, das Mitleiden, die 
Furcht. Wegen der grossen Wichtigkeit der Leiden- 
schaften für die Ethik behandelt sie Charron sehr 
ausführlich. ^) 

THOMAS CAMPANELLA'S Lehre von den 
Affekten misst den Ausdrucksbewegungen derselben 



1) cf. Stöckl 1. c. Vorrede zu Band I. o« 1 pag. 8 u. Schütz, Harald* 
Die Entwicklung der Industrie im Mittelalter. Programm des Jahres- 
Berichts der Kgl. Realschule Traunstein. 1878 pag. 4. 

2) Stöckl 1. c. pag. 379. 



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— 29 — 

eine grosse Bedeutung zu. Nach ihm 

„zieht sich die empfindende Seele im Zu- 
stande der Traurigkeit in das Herz zurück, 
während sie im Zustande der Freude nach 
aussen in die Augen sich ergiesst ^) 

Von grossem Einfluss auf Hob b es und Descartes 
ist BACO VON VERULAM'S Lehre von den Leiden- 
schaften, auf die wir auch später noch zurück- 
kommen werden. 

In seinem Hauptwerk de augmentis scientiarum 
tadelt Baco den Aristoteles, 

„dass er die Affekte nicht in der Ethik 
sondern in der Rhetorik behandelt und dass 
er nicht ihre natürliche Geschichte sondern 
ihre künstliche Erregung ins Auge gefasst 
habe." ^ 

Ferner sagt er ebenda: 

„Die Dichter und Geschichtsschreiber geben 
uns die Abbilder der Charaktere; die Ethik soll 
nicht diese Bilder selbst, wohl aber deren Um- 
risse aufnehmen, die einfachen Züge, welche 
die menschlichen Charaktere bestimmen.'' 
Er verlangt eine der Physik ähnliche Ethik der 
menschlichen Gemütsverfassung. ^) 



1) StOckl ib. pag. 349. 

>) cf. Kuno Fischer, Francis Baco und seine Nachfolger. 3. Aufi. 
Leipzig. Brockhaus 1875. pag. 290. 

8) cf. Kuno Fischer ib. 



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30 



Die von Baco geforderte Naturgeschichte 
der Affekte hat nach Kuno Fischer niemand 
besser gelöst als Spinoza, während derselbe in 
Shakespeare den Dichter der Leidenschaften sieht. ^) 

Interessant ist für uns noch besonders, dass 
Baco einen Affekt durch den andern bemeistern 
und schliesslich alle durch Hoffnung und Furcht 
beherrschen will. Auf die so gewonnene Einsicht 
in die Affekte soll sich dann die Regierungskunst 
und Politik gründen. *^) 

Untersuchen wir einen Augenblick die Berech- 
tigung der Baconischen Forderung, so ist zu- 
nächst das von Aristoteles Gesagte falsch, indem 
Aristoteles erstens die Affekte nicht nur in der 
Rhetorik, sondern, wie wir oben sahen auch in der 
Ethik behandelt, gerade wie Baco fordert, ferner 
geht Aristoteles in der Rhetorik auch auf die natür- 
liche Geschichte der Affekte, nicht blos auf ihre Er- 
regung ein, wie wir gleichfalls oben sahen. 

Es ist sonderbar, dass Kuno Fischer auf 
diesen Widerspruch Bacos nicht weiter aufmerk- 
sam macht. 

Ueber die Geschichte der Lehre von den Affekten 
bis auf Baco äussert er sich a.a.O. wie folgt: 

„Aristoteles hat in seiner Rhetorik viel 
Scharfsinniges über die Art und Erregung 



1) cf. Kuno Fischer ib. 

2) ebda. 



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31 



der Affekte gesagt, die Stoiker haben sich 
in mancherlei Definitionen versucht, man 
hat auch einzelne Abhandlungen über ein- 
zelne Affekte geschrieben, aber sie sind weder 
in ihrem natürlichen Zusammenhange noch 
am richtigen Ort, nämlich in der Ethik 
behandelt worden." ^) 

Ein Blick auf unsere kurze historische Zusammen- 
stellung genügt, um erkennen zu lassen, dass eine 
derartige Darstellung den Wert des vor Baco in 
der Lehre von den Affekten Geleisteten doch ganz 
erheblich unterschätzt. 

Von HELMONTS Lehre sei hier hervorgehoben, 
dass auch bei ihm die Ebenbildlichkeit des Menschen 
mit Gott sich in einer Dreiteilung: Verstand, 
Wille, Liebe geltend macht. Der sinnlichen Seele 
weist er einen besonderen Sitz, den Magen an. ^) 

Sowohl mit Hobbes, wie mit Descartes in 
direkten Verkehr trat PIERRE GASSENDI: Er erblickt 
in den leidenschaftlichen Bewegungen der Seele ein 
schweres Hindernis der Glückseligkeit und nennt daher 
die Tugenden Arzneien der erkrankten Seele. ') 
Da sich Gassendi in seiner Ethik bekanntlich 
eng an Epikur anschliesst, unter dessen Namen er 
seine ganze Philosophie gehen lässt, so verweise ich 



1) cf. Kuno Fischer ib. pag. 
S) cf. Stöckll. c. pag. 467. 
3) ib. pag. 886. 



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— 32 — 

hier auf das oben aber den Zusammenhang zwischen 
Epikur und den Stoikern Gesagte. 

Im Jahre 1625 erschien zu Venedig die ^rifAeninixti 
moralis seu de conjectandis cujusque moribus et latitantibus 
affecübus animi des SCIPIO CLARAMONTIUS. 

Dies Werk wurde mit einer begeisterten Vorrede 
Hermann Oonrings zu Helmstaedt im Jahre 1665 
neu herausgegeben. In der Vorrede klagt Conring, 
dass das treffliche Werk unbeachtet geblieben sei. 

Der Gegenstand des Werkes ist etwa der gleiche, 
wie in dem geschätzten modernen Werke „Mimik 
und Physiognomik" von Theodor Piderit.^) 

Claramontius sucht auf zahlreiche von ihm 
namhaft gemachte Autoren — besonders Aristoteles, 
Galen und die Araber gestützt — Regeln zur 
Beurteilung des Charakters und der Affekte 
aus äusseren Kennzeichen abzuleiten. Er giebt (nach 
einer kurzen Einleitung über den Bau des Körpers, 
die Temperamente und den Einfluss des Klimas auf 
den Charakter der Nationen) Charakteristiken der 
Lebensalter und verschiedener Stände, geht ausführ- 
lich auf den Einfluss der Beschaffenheit des Herzens, 
Gehirns und der Leber, auf die Art der Lebensgeister 



1) Mimik and Physiognomik von Dr. Theodor Piderit. «. neubearb. 
Aafl. Mit 95 lithogr. Abb. Detmold 1886. Der Vergleich dieses trefflichen 
Werkes mit Claramontius soll natürlich nur heissen, dass beide fttr ihre 
Zeit gleiches erstrebten. Ob es wirklich möglich ist, ein Bestimmungsbach 
für Charaktere herzustellen, aus dem man nach äusseren Anzeichen den 
Charakter ebenso bestimmen kann, wie etwa die Familie einer Pflanze, bleibe 
dahingestellt. Jedenfalls hat Piderit eine Fülle treffender Bemerkungen. 



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33 



und infolge dessen des Charakters ein, bespricht die 
physiognomische Bedeutung der Kopfform, der Stirn, 
der Augenbrauen, Ohren, Augen, der Nase, des 
Mundes, des gesamten Gesichtsausdrucks, der Gestalt, 
der Stimme etc. und giebt in den zwei letzten seiner 
zehn Bücher Lehren, wie man geheimgehaltene Affekte 
entdecken kann. Dabei bespricht er eingehend im 
zehnten Buch die Ausdrucksbewegungen folgender 
Affekte: Lust, Schmerz, Begierde und Liebe, 
Abscheu und Hass, Zorn, Furcht und Hoff- 
nung iuxta ordinem librorum de AfFektibus. 



^ 



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Kapitel IL 



HOBBES. 



White we live, we have desir^s. 

HOBBES, Humane Notare VII. 6. 

HOBBES, the father of LOCKPS 
and other philosophy. 
Lord BYRON, The Island, Note. 



Die Bedeutung des grossen englischen Philo- 
sophen Thomas Hobbes, dessen Lehren wir uns 
nun zuwenden, trat eine Zeit lang in den Werken 
über Geschichte der Philosophie wenig hervor. 

So wird Hobbes in Schweglers „Geschichte 
der Philosophie im Umriss, 6. Auflage, Stuttgart 1868, 
mit den Worten abgethan: Er (Locke) hat zum 
Vorläufer seinen Landsmann Thomas Hobbes (1588 
bis 1679), den wir jedoch, da er nur für die Geschichte 
des Naturrechts Bedeutung hat, hier nur nennen 
können.*) 

Dagegen hat vor allem Bau mann sowohl in 
seiner „Geschichte der Philosophie nach Ideengehalt 



1) In der neuen Aasgabe von Schweglers Geschichte der Philosophie 
im Uinriss besorgt von J. Stern, Beclain, Leipzig, findet sich Hobbes 
aasführlicher behandelt. 



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— So- 
und Beweisen", wie in seinem Werke „Die Lehren 
von Raum, Zeit und Mathematik in der neueren 
Philosophie** die philosophischen Lehren von Hobbes 
eingehend behandelt.^) 

Mit grosser Bewunderung genannt wird ferner 
Hobbes unter anderen von Leibniz, Diderot, 
Gundling, Platner, Oomte. ') 

An intensiver Wirkung seiner Lehren hat es nie 
gefehlt, weder bei seinen Zeitgenossen, noch bei den 
späteren Philosophen. 

So weist Tönnies in seiner Monographie über 
Hobbes^) auf den Einfluss hin, den Hobbes auf 
Spinoza, Leibniz, Locke, Berkeley ausübte. 
Auch finden sich Anklänge an Hume und Schopen- 
hauer bei ihm.^) 

Die Willenslehre des Hobbes, wie sie in 
unserer folgenden Darstellung gegeben wird, scheint 



1) cf. Baumann, Geschichte der Philosophie nach Ideen^j^ehalt und 
Beweisen. Gotha, Perthes 1890. pag. 235 ff, und Baumann, Die Lehren 
von Raum, Zeit und Mathematik in der neueren Philosophie, Bd. I. 
Berlin, Reimer 1868. pag. 237-357. 

2) cf. die übrigen bei Tönnies 1. c. pag. 222 ff. und Platner, 
Philosophische Aphorismen. Leipzig 1776, 1782. 2 Bde. bes., Bd. 2 pag. 118 ff. 

3) cf. diese Arbeit Anmerkung 4 zur Einleitung und Tönnies 1. c. 
pag. 223. 

*) Was die Ähnlichkeit mit Schopenhauer anlangt, so citiert dieser 
selbst mehrfach Hobbes, ferner finde ich die kurze Notiz einer Ähnlichkeit 
Hobbes mit Schopenhauer in dem Collegheft über „Geschichte der mitt- 
leren und neueren Philosophie^ gelesen von Geheimrat Eucken. W. 8. 92/93. 

Der pessimistischen Auffassungsweise Hobbes werden wir öfter be- 
gegnen. Auch finde ich, dass ihm in gewissem Sinne, allerdings nur von 
innen betrachtet, die „Welt" aus Vorstellung und Wille besteht. Ein grosser 
Unterschied gegen Schopenhauer besteht allerdings darin, dass nach 
Hobbes der Wille vom Vorstellen abhl&ngt. 



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— 36 — 

mir in einigen Grandzügen mit der Auffassung 
übereinzustimmen, welche Baumannin seinem „Hand- 
buch der Moral" vertritt, wenn er sagt: „Nicht der 
Wille liegt dem Vorstellen zu Grunde und erzeugt 
es als seinen nachgeborenen, ihm unter Umständen 
feindlichen Sohn, sondern der Wille selbst ist das 
Nachgeborene, aus Vorstellung und Wertschätzung 
zusammen erst entstehende, das Ursprüngliche sind 
unwillkürliches Geschehen und unwillkürliche Be- 
thätigung." ^) 

Dagegen berührt sich die grosse Bedeutung, die 
Hobbes den Affekten und somit auch dem Willen 
zuweist, mit den einschlägigen Lehren Wundts. Wenn 
daher Wundt bei der Anerkennung der durch- 
dringenden Verstandesschärfe Hobbes' sagt: '^) „Das 
Gefühlsleben existiert für ihn nicht" und ein ander- 
mal „so kommt (bei Cumberland) der Affekt gegen- 
über Hobbes zu stärkerer Geltung", so sind diese 
Äusserungen wohl auf ein Missverständnis zurück- 
zuführen. 

Die Affekte finden gerade bei Hobbes eine 
eingehende Behandlung. Seine Staatsphilosophie baut 
sich zum Teil darauf auf. Die Affekte sind ihm der 
Beginn willkürlicher Bewegungen, er führt die 
Erfindung der Sprache auf einen Affekt zurück. 



1) Baumann 1. c. pag. 16. 

«) cf. Wundt, Ethik. Eine Untersuchung der Thatsachen und Ge- 
setze des sittlichen Lebens. Stuttgart, Eucke 1886. pag. 270 und pag. 274. 



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— 37 — 

Im Folgenden soll die Affektenlehre des 
Hobbes nach ihren Hauptzögen kurz geschildert 
werden im Anschluss an eine Skizze der Grundzüge 
der Hobbee'schen Philosophie, wie ich sie mir aus 
seinem oft bewunderten, auch von Tönnies mit- 
benutzten Werke »Humane Nature« zusammenstelle. 

Doch sei ausdrucklich auf das Kapitel über 
Anthropologie und auf den ganzen zweiten Teil „Lehre 
des Hobbes" in Tönnies Buch verwiesen, dessen 
Darstellung wir allerdings in einem nicht unwichtigen 
Punkte zu berichtigen haben werden. 

Vor mir liegt die zweite Ausgabe von »Humane 
Nature« oder, wie der Titel vollständig lautet: Humane 
Nature: er, the fuodamental Clements ofPolicy. Being a disco- 
very of the faculties, acts and passions of the soul of man, 
from their original causes; according to such philosophical 
principles as are not commonly known or asserted. The 
second Edition. Augmented and much corrected by the 
Authors own Hand. By Tho. Hobbs ofMalmsbury. London, 
Printed by T. Newcomb for John Holden at the Anchor in 
the New-Exchange, 1651. 

Der Ausgangspunkt der Hobbes'schen Philo- 
sophie ist bekanntlich die Staatsphilosophie. 

Um diese Lehre auf die Regeln und Einwurfs- 
freiheit der Vernunft zurückzuführen, giebt es nach 
der Widmungsepistel des Buches (v. Jahre 1640) nur 
einen Weg, Prinzipien aufzustellen, an denen die 
Leidenschaft nicht rütteln kann, denn während sich 
die Schriftsteller über Gerechtigkeit und Politik fort- 



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38 



während in den Haaren liegen, ist die Mathematik 
frei von Disput und zwar aus dem Grunde, weil hier 
die Wahrheit und das persönliche Interesse der 
Menschen sich nicht gegenüberstehen. Gilt doch der 
Satz: as oft as Reason is against a man, so oft will a man 
be against Reason. 

In dem F. B. *) unterzeichneten Vorwort an den 
Leser wird schon des ganzen Hobbes'schen Systems 
gedacht, wie es sich in die drei Werke: De corpore, 
de homine, de cive gliedert. ^) 

Während de homine und de cive schon erschienen 
sind, steht de corpore noch aus. Diese Schrift erschien 
in der That erst 1655. 

Aus den Vorreden des Hobbes zu seiner lieber- 
Setzung des Thukydides scheint Tönnies hervor- 
zugehen, dass er sich schon damals (1629) mit der 
Ergründung der menschlichen Natur beschäftigt habe.^) 

Daher will es diesem Forscher auch nicht wahr- 
scheinlich vorkommen, dass — wie berichtet wird — 
Galilei, den Hobbes persönlich aufsuchte, ihm zu- 
erst die Idee gegeben habe, die Sittenlehre mathema- 
tisch zu behandeln. Vielmehr vermutet er, dass 



1) Francis Bowman cf. TOnnies, The Elements of Law natural 
and politic by Thomas Hobbes of Malmesbury ed. with a preface and 
critical notes, to which are subjoined selected extracts from unprinted 
Mrs. of Thomas Hobbes, London, Simpkin, Marshall and Co. 1889. pag. VIL 

s) Tönnies bezweifelt in der Vorrede zur eben erwähnten Aasgabe 
der Elements of Law die ursprüngliche Einheit der 3 Werke cf. 1. c. pag. VI 
In Widersprach hiermit scheint zu stehen, was derselbe Gelehrte pag. 20 
seiner mehrfach citierten Monographie über Hobbes sagt 

9) TOnnies 1. c. pag. 13. 



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39 



Hob b es nur Galilei von diesen seinen Plänen er- 
zählt habe und von dem berühmten Physiker darin 
bestärkt worden sei. ^) 

Es sei mir gestattet, die Hauptlehren der in der 
»Humane Nature« aufgestellten Psychologie in die um- 
stehende Tabelle zusammenzufassen. Diese Tabelle, 
die leicht noch mehr hätte ausgefüllt werden können, 
wenn ich nicht befürchtet hätte, sie dadurch zu un- 
übersichtlich zu machen, giebt eine Idee davon, 
wie Kenntnisse, Leidenschaften und Willens- 
äusserungen nach Hobbes Vorstellung entstehen. 

Stellen wir uns zum Beispiel die Frage, 
wie wird nach Hobbes etwa der Anblick eines 
schrecklichen Tieres auf einen Menschen 
einwirken. (Hierzu die skizxe s. 4i.) Ich wähle dieses Bei- 
spiel, weil Descartes daran erläutert, wie nach 
seiner Theorie die Leidenschaften entstehen." ^ 

Als ein äusserer Gegenstand wirkt das Tier 
auf die Sinne dadurch, dass es Bewegungen aus- 
sendet, die die Sinne afficieren. ^) Die Sinneser- 
regung pflanzt sich ins Gehirn fort. *) Hier entsteht 
dann durch die erkennende Kraft des Geistes eine 
Vorstellung.^) Infolge des Nachvibrierens der Be- 



») Tönnies 1. c. pag. 17. 

2) Descartes, Les passions de TAme. I. Art. 35. 36. 
8) Ghap. II. 10 der Humane Kature, the thin^ that really are In 
the World withoat us, are those motlons. 
*) ib. Chap. II. 4. 
6) \\}. Ohap. II. 4. 



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— 40 — 

wegung verblasst die Vorstellung nur allmählich. ^) 
Das Verblassen der Vorstellungen wird von der er- 
kennenden Kraft des Geistes wahrgenommen. Diese 
Fähigkeit ist sozusagen ein sechster Sinn ^ „die 
Erinnerung." Viele solcher Erinnerungen geben 
Erfahrung und Klugheit. ^) 

Aus der Erinnerung ergiebt sich aber auch die 
Erwartung, dass die Ereignisse in ähnlicher Folge 
auftreten wie früher: So entwickelt sich eine Art 
Kausalität.^) Ausserdem werden ähnliche Vor- 
stellungen erweckt. ^) 

In unserem Fall wird man vielleicht daran 
erinnert, dass durch ähnliche Tiere schon viel Schaden 
angerichtet worden ist. 

Wir erwarten somit, dass der etwaige Angriff 
des Tieres der Entwicklung unserer Fähigkeiten, 
d.h. unserer Macht®) hinderlich sein wird. Die 
Erkenntnis einer zu erwartenden Macht Verrin- 
gerung ist nun seelische Unlust. '') Dieser Unlust 
widerstreitet etwa die Lust, dem Tiere unsere Macht 
zu zeigen. Das abwechselnde Vorhalten solcher Lust- 
oder Unlustgedanken, d. h. das abwechselnde Em- 
pfinden verschiedener Leidenschaften, ^ ist die 



1) Hobbes ib. Chap. III. i. 


(Foriaetzung S. 42.) 


«) ib. Chap. m. 6. 




8) ib. Chap. IV. 6, 10. 




*) ib. Chap. IV. 7 ff. 




6) ib. Chap. IV passim. 




8) ib. Chap. VIII. 4. 




') ib. Chap. Vlll. 1-4. 




8) ib. Chap. XII. 1. 





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— 41 — 
Skizze für Beispiel auf Seite 3Ö. 



Der Mensch 



Animal 



Er- Be- Fort- 
nährende wegende pflanzende 
Kraft Kraft Kraft 

Leib 



Herz- 
beweisunfi 



rationale 



/Geist \ 

\ Gehirn / 




(Den Körper \ 
bewegende 1 
Kraft / 

tut 



fördernd hemmend _ 
(Lust) (Unlust) V"^ 



5 Sinne 



Aeusserer 
Gegenstand 

(Wildes Tier) 



Gehirn- 
bewegungen 
forstelliiiigeii 



14 



Beharrung 
der Gehirn- 
bewegungen 

Siclister Sinn | . 

Erinnerun^s j 



18| I 8 

wiiiens- 
handlnng 

"In 

(Alternierende \ 
Leidenschaften I 
= Ueberlegung/ 

Leidenschaften 



Lust 

Erwartung 
von 

zukünftiger 
Machtver- 
roehrung 

-.. t 



Unlust 

Erwartung 

von 
zukünftiger 
Machtver- 
minderung 



Erwartung 



Erläuterung der Bewegungen, 

Aeusserer Gegenntand (Wilden Tier) - 5 Sinne — Erkennende Kraft - Vorstellungen 
(Oehirnbewegungen) - {^ErinZruLT} ^'^^«'''•«'»« '^^ Gehirnbewegungen - Er war- 
tung — Alternierende Leidenschaften — Willenshandlung — Den Korper bewegende 
Kraft — Herzbewegung hemmend — Erkennende Kraft u. s. w. . . . . bis Willens- 
handlmng — Den Körper bewegende Kraft — Fluchtbewegung der Beine. 



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— 42 — 

Ueberlegung, diese führt zur Willenshandlung, 
in Folge deren der Geist den Körper bewegt ^) und 
zwar zunächst das Herz bewegt oder dessen Be- 
wegung hemmt. Im einen Falle empfinden wir sinn- 
liche Lust, im zweiten Unlust.^) 

In unserem Falle entstehe sinnliche Unlust, diese 
wirkt wieder auf die Vorstellungen ein,^ durchläuft 
den vorhin beschriebenen Weg, es entsteht der Ent- 
schluss, sich der Unlustursache zu entziehen, und 
der Geist bewegt etwa jetzt den Körper zum Fliehen. 

Dieses Beispiel vorausgeschickt, fassen wir 
jetzt den Grundriss der Psychologie, wie ihn 
Hobbes in der Humane Natura entwickelt, in seinen 
Hauptzügen zusammen. ^) 

Hobbes unterscheidet beim Menschen, dem 
animal rationale, zwei Hauptbestandteile, body, Leib, 
und mind, Geist. Die Uebersetzung von mind mit 
Geist ist zweideutig, doch weiss ich keine bessere. 
Geister losgelöst vom Körper kennt Hobbes bekannt- 
lich nicht. Die Natur des Menschen ist ihm die 
Summe seiner geistigen und körperlichen Fähig- 
keiten. (Chap. L 4' s.J 

Die Fähigkeiten des Körpers werden nur 
aufgezählt, es sind : power nutritive, power generative und 



1) Hobbes ib. Obap. XII. 2. Cbap. VII. 9 

2) ib. Ohap. VII. 1, 2. 
8) Ib. Ohap. VII. 1, 2. 

') Die bezüglichen Stellen aus Humane Nature sind in dem folgenden 
fortlaufenden Auszug (vgl. Kap. III Anfang) im Text angegeben. 



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— 43 — 

power motive, die ernährende Kraft, bewegende 
Kraft, Fortpflanzungskraft. Von Fähigkeiten 
des Geistes sind zwei zu unterscheiden, die er- 
kennende Kraft (power cognitive) und bewegende 
Kraft (power motive). Auch der Ausdruck Kraft für 
power verdeckt einen Zusammenhang, der für Hobbes 
nicht unwichtig ist. {Ckaj>. i. 6, 7.) 

Wie wir schon sahen, spielt der Begriff der 
Macht (power) bei seiner Psychologie eine grosse 
Rolle. Im Deutschen kann man aber schlecht von 
einer erkennenden „Macht" reden. Vielleicht wäre 
„Vermögen" entsprechender. (Chap, iL 4.) 

Die Gegenstände ausser uns wirken auf den 
Körper nur dadurch ein, dass Bewegung von ihnen 
ausgeht, die die Sinnesorgane afficiert. Farbe, Schall 
u. s. w. gehören also uns an, nicht dem Ding an 
sich (the thing itself). 

Von den Sinnesorganen geht nämlich die Be- 
wegung weiter zum Gehirn, als specifische Sinnes - 
erscheinung kommt sie erst zum Bewusstsein, wenn 
sie vom Gehirn nach dem Sinnesorgan zurück- 
geworfen wurde. (Ckap. iL 8,) 

So entstehen im Gehirn Bilder oder Vor- 
stellungen. Diese bleiben, auch wenn der Gegen- 
stand entfernt ist, solange die Bewegung in uns 
nacbzittert. (Chap. iii 1.) 

Durch das Schwächerwerden der Bewegung er- 
kennt nun die vorstellende Kraft des Geistes 
vermittelst des sechsten Sinnes, der Erinnerung, dass 



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— 44 — 

die Vorstellung, der nun so und so viele Merkmale 
fehlen, mit der ursprünglichen klaren und deut- 
lichen nicht identisch ist. (Chap, iil 6). 

Erinnerung ist nach Hobbes in der That 
dies Vermissen erwarteter Merkmale an einer Vor- 
stellung. {Chap, IIL 7.) 

Auf die Anwendung, die Hobbes davon auf Träume 
macht, sei nur hingewiesen und seine Behauptung 
erwähnt, dass unter Umständen Traum vom wachen 
Zustand nicht zu unterscheiden sei. (Chap. iil w.) 

Hobbes geht hierauf ausführlich auf die ver- 
schiedenen Arten, Vorstellungen miteinander zu ver- 
binden, ein. Sehr an Hume erinnern die Ausführungen 
über das Entstehen der Begriffe Grund und Folge., 

Aus den Erinnerungen an die Vergangenheit 
macht sich der Mensch das Bild der Zukunft. Hat 
er zum Beispiel oft gesehen, dass Vergehen bestraft 
werden, so denkt er beim Anblick eines Vergehens, 
dass ihm die Strafe folgen wird. {Chap, iv. 7.) 

Auch umgekehrt schliesst er auf die Vergangenheit 
aus der Gegenwart. Hat er z. B. oft gesehen, dass 
ein Feuer Asche hinterlässt, so denkt er beim Anblick 
von Asche an das Feuer, aus dem sie entstanden ist. 

Alle solche Erfahrung kann aber nur zur Wahr- 
scheinlichkeit, nie zur Sicherheit führen. (Ckap. iv, 10). 

Wir können auch nicht nach Belieben irgend 
eine Vorstellung in uns wachrufen. Aber der Mensch 
hat vor den Tieren voraus, dass er sein Gedächtnis 
durch Merkzeichen unterstützen kann. {Chap, v. /.) 



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— 45 — 

\ 

Ein solches Merkzeichen ist ein sinnlicher Gegen- 
stand, den ein Mensch willkürlich für sich irgendwo 
errichtet hat, um sich dabei an etwas Vergangenes 
zu erinnern, wenn er das Zeichen wieder bemerkt. 

Zu diesen Zeichen gehören auch die Aeusserungen 
der menschlichen Stimme, die wir Namen nennen. 

Es sind dies Erschütterungen, die von den 
Ohren wahrgenommen werden können und uns dann 
an den bezeichneten Gegenstand erinnern. {Chap, v. 2.) 

Man kann nun die Gegenstände selbst und die 
Vorstellungen bezeichnen und zweitens das Fehlen 
erwarteter Eigenschaften mit einem Wort belegen. 
So entstehen positive und privative Worte. {Chap, v. 3.) 

Erst durch die Sprache ist Wissenschaft 
möglich. {Chap. F. 4,) 

Allgemein sind nur die Worte, nicht aber die 
Gegenstände, die ihnen entsprechen. {Chap, v, 6.) 

So nützlich nun, wie ausgeführt, in einer Beziehung 
die Erfindung der Sprache ist, so hat sie doch 
andererseits viel Anlass zu Irrtum gegeben. Dem 
allgemeinen Naturgesetz folgend, dass eine Bewegung 
um so leichter statt hat, je öfter sie schon erfolgt 
ist, zieht nämlich ein Wort ein anderes, früher oft 
mit ihm verbundenes, nach sich. fCkap, v, 13, 14.) 

Die Affekte, die die Ursache der willkürlichen 
Bewegungen überhaupt sind, sind auch die der 
Sprache als der Bewegung der Zunge. Die Sprache, 
die erfunden ist, um den Mitmenschen mitzuteilen, 



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— 46 — 

welche Meinungen, Vorstellungen und Leidenschaften 
uns bewegen, ist geradezu ein Ersatz der Vernunft 
geworden. Aus der Ratio wird Oratio. Der Verstand 
giebt bloss das erste Wort, der Rest folgt gewohn- 
heitsmässig. 

Um daher den vielen durch Miss Verständnisse 
und Leidenschaften hervorgerufenen Unklarheiten zu 
entgehen, ist es absolut nötig, statt der Bücher 
anderer zunächst sich selbst zu lesen. (Chap, v, 14,) 

Sehr eigentümlich ist die Art, wie Hobbes das 
Gewissen aufFasst. Er geht von der Redensart 
aus: auf mein Gewissen, die Sache verhält sich so 
und so. Er definiert deshalb Gewissen als die Meinung 
von der Evidenz einer Sache. {Chap, VL 8.) 

Ehe Hobbes zur Darstellung seiner Lehre von 
den Leidenschaften übergeht, macht er nochmals 
darauf aufmerksam, dass die „bewegende Kraft des 
Geistes" etwas anderes ist, als die „bewegende 
Kraft des Körpers." Die letztere ist die Fähigkeit, 
auf fremde Körper einzuwirken. Die erstere aber ist 
die Fähigkeit des Geistes, dem eigenen Körper Be- 
wegungsimpulse zu erteilen. Die Wirkung derselben 
sind die Affekte und Leidenschaften. {Chap. vi. p.) 

Die Gehirnbewegungen, welche unsere Vor- 
stellungen sind, pflanzen sich zum Herzen fort und 
können dort die Lebensthätigkeit entweder hindern 
oder unterstützen. Im letzteren Fall haben wir Ver- 
gnügen, im ersteren Falle Schmerz. {Chap, vii. /.) 



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- 47 — 

Diese Bewegung, in der Freude und Schmerz 
besteht, ist gleichzeitig eine Aufforderung, sich dem 
betreffenden Gegenstand zu nähern oder ihn zu 
fliehen, und giebt insofern den Anstoss zu Bewegungs- 
erscheinungen, die im einen Fall Lust, im andern 
Fall Abneigung heissen, falls es sich um die Gegen- 
wart handelt. 

Handelt es sich um die Zukunft, so heisst die 
Abneigung Furcht. {^Chap, viL 2.) 

Was Lust erregt, also gefällt, heisst nun gut, 
was nicht gefallt, böse. Gut und böse sind somit 
relative Begriffe. Ein höchstes Gut giebt es 
nicht. {Chap, vu. j.) 

»Lust« oder »Unlust« werden von allen auf 
uns einwirkenden Gegenständen erregt, also auch 
durch die Vorstellungen, wenn das sinnliche Objekt ver- 
schwunden ist. Nur ist hier die Vorstellung, also 
auch die Lust und Unlustempfindung abgeblasst. 

Lust (appetite) ist der Beginn der Bewegungen 
zu dem uns gefallenden Objekte hin, das Erreichen des- 
selben ist das Ende der Bewegung, welche wir auch 
ihren Zweck oder ihr Ziel nennen. Erreichen wir 
dasselbe, so heisst die dabei empfundene Lust Genuss. 

Ein letztes Ziel giebt es nicht, so lange wir 
leben, haben wir Wünsche. (Ckap. viL 4, s> ^-l 

Die Lust besteht nicht im Genuss, der ihr Ende 
ist. Glück oder fortwährende Freude besteht nicht 
im erlangten Erfolg, sondern im Erfolghaben. Die 
meisten Dinge in der Welt sind sowohl gut als böse. 



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48 



Ueberwiep^t das Gute,, so werden sie ein Gut genannt, 
im entgegengesetzten Fall ein üebel. (Chap, vil 7,8,) 

Man muss aber zwei Arten Freude unterscheiden. 
Die eine afficiert das körperliche Sinnesorgan, sie 
nennt Hobbes die sinnliche Freude, der grösste 
Teil derselben ist die sexuelle, durch die zur Er- 
haltung der Species aufgefordert wird, die nächste 
ist die Stillung von Hunger und Durst, wodurch 
sich das Individuum erhält. 

Dieser körperlichen Freude und ihrem Gegenteil, 
dem körperlichen Schnjerz gegenüber tritt die 
geistige Freude und der Kummer. (Ckap. vil p.) 

Hobbes schildert nun, von welcher Vor- 
stellung aus jedesmal die Herzerschütterung 
zustande kommt bei ' den verschiedenen 
Leidenschaften. 

Er beschränkt sich auf die gewöhnlich genannten. 
Denn in Wirklichkeit sind die Leidenschaften zahllos, 
da es ja unzählig viele Dinge giebt, die gefallen oder 
missfallen. (Chap, viil /.) 

Zunächst müssen drei Arten Vorstellungen 
unterschieden werden: Momentaner Sinnes- 
eindruck, Erinnerung, Erwartung. 

Bei den Sinneseindrückeu sind die einzelnen 
Sinne verschieden zu behandeln. Wenn der Tastsinn 
afficiert wird, wie bei allen natürlichen Entleerungen, 
haben wir ein rein sinnliches Vergnügen. Bei dem 
Geruchssinn mischt sich schon zum Teil Beur- 
teilung mit hinein. Beim Genuss durch das 



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— 49 — 

Hören ist der Sitz nicht im Ohr, sondern hier 
erfreuen einfache Töne durch ihre Gleichtnässigkeit. 
Kratzen dagegen erregt ein Gefühl des Schauders, 
das bei den Zähnen beginnt. Harmonie oder viele 
Töne, die angenehm zusammen klingen, gefallt aus 
demselben Grunde, wie der Einklang, wenn ver- 
schiedene gleiche Saiten gleich angestrichen werden. 
Töne, die sich durch ihre' Höhe unterscheiden, erfreuen 
nach Galilei durch abwechselnde Uebereinstimmung 
und Discrepanz, indem etwa die höhere Note zweimal 
schwingt, während die andere eine Schwingung 
macht, so dass sie jedes zweite Mal zusammentreffen. 

Ebenso verweist Hobbes auf Galileis Theorie, 
der Freude am Einklang und des Missvergnügeus 
über Missklang. Ausserdem aber liegt in den Tönen 
noch ein besonderer Reiz, der durch die Reihenfolge 
derselben in einer Melodie bestimmt ist, worin der- 
selbe lit^gt, weiss Hobbes nicht recht, glaubt aber, 
dass ihre Wirkung in der Heraufbeschwörung halb- 
vergessener Leidenschaften liegt. 

Ebenso bestehen die Freuden des Auges im 
Wohlgefallen an der Gleichmässigkeit einer Farbe. 
Denn die glänzendste Erscheinung, das weisse Licht, 
entsteht in einheitlicher Weise, während Farbe, wie 
Hobbes an einer früheren Stelle der Humane Nature 
bereits angiebt, verwirrtes Licht ist. ^) Je mehr 

^) Die Newton'sche Ansicht vom Wesen des Lichts ist bekanntlich 
ent(?egengesetzt. Verfasser will bei dieser Gelef?enhelt hervorheben, dass 
es ihm bei dem engen Rahmen der Arbeit nicht möglich war, die gegebene 
Darstellung anch zu commentieren, so dass das vorliegende Kapitel nur 
die Lehren des Hobbes darstellt. Einige Bemerkungen zu derselben finden 
sich in den folgenden Kapiteln. 



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— 50 — 

nan eine Farbe Gleichmässigkeit aufzuweisen hat, 
desto glänzender ist sie. Die Harmonie der Farben 
wird mit der der Töne verglichen. 

Eine besondere Art der Frende, die ganz 
anders ist, als die besprochenen, erweckt die Musik 
beim ausübenden Künstler. Es ist dies die 
Freude an der eigenen Geschicklichkeit. 
Solcher Art sind auch die folgenden Leidenschaften. 
Alle unsere Vorstellung von der Zukunft beruht, wie 
oben gezeigt, auf Erinner ang. Denken wir an die Zu- 
konft, so denken wir an das Auftreten irgend einer 
„Macht," die irgend etwas thun wird. Eine solche 
Macht sind die oben aufgezählten Fähigkeiten des 
Körpers und des Geistes, nämlich Ernährende, Er- 
zeugende, Bewegende Kraft des Körpers und das 
Wissen als geistige Macht. Durch diese können dann 
weiter folgende Mächte erworben werden: Reichtum, 
Einflussreiche Stellung, Freundschaft oder Gunst und 
Glück, welches letztere die Gunst Gottes ist. {Chap. 
viil. j, ^.) 

Von all' diesen ist als wirkliche Macht nur der 
üeberschuss über die entsprechenden Mächte der 
andern anzusehen. Wir kennen unsere eigene Macht 
aus unseren Handlungen. Die andern erkennen sie 
aus unseren dieser Macht entsprechenden Handlungen, 
Gesten and ganzem Benehmen. {Chap, vill. 5.) 

Die Anerkennung der Macht heisst Ehre. Diese 
Ehrerweisung kann innerlich oder äusserlich sein. 
Von den zahlreichen Beispielen für Zeichen von 



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— 51 — 

Macht, welche den andern Ehrerbietung einflössen, 
seien hier nur hervorgehoben: Reichtum als Zeichen 
von Macht, wodurch er erworben wurde; Adel als 
Zeichen der Macht der Ahnen: Glück als Zeichen 
des Wohlwollens Gottes. 

Das Gegenteil dieser Vorzüge erzeugt Unehre. 

Im Vergnügen resp. in der Unlust, welche 
die Menschen über die Ehre resp. Unehre 
empfinden, die ihnen widerfährt, besteht die 
Natur der Leidenschaften. {Chap. vili. 8.) 

Dies wird gezeigt an den Leidenschaften: Stolz, 
falscher Stolz, Prahlerei, Demut, Nieder- 
geschlagenheit, Scham, Mut, Aerger, Rach- 
sucht, Hoffnung, Verzweiflung, Misstrauen, 
Vertrauen, Mitleid, Herzenshärtigkeit, Un- 
willen, Wetteifer, Neid, Lachen, Weinen, Lust> 
Liebe, Barmherzigkeit, Bewunderung und 
Neugierde, Leidenschaft, derer, die gerne 
andere in Gefahr sehen und Grossherzigkeit. 

{Chap. IX. 1—19.) 

Hervorgehoben seien die Definitionen des 

Lachens, der Bewunderung und Neugierde, 

und der Leidenschaft derer, die andere gern 
in Gefahr sehen. 

Zunächst zeigt es sich, dass Hobbes ein Wort 
vermisst für die Leidenschaft, welche das Gesicht 
verzerrt, in einer Weise, die wir Lachen nennen und 
die stets Freude erregt. (Chap. ix. 13.) 



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- 52 — 

Ohne das Wort „Komisch" zu nenaen, findet 
er dann das Wesen des Komischea im Unerwarteten 
und zwar entdeckt nach ihm der Lachende plötzlich 
eine Fähigkeit in sich. Daher wird z. B. über die 
Schwächen anderer gelacht, indem man sich dadurch 
erst seiner eigenen Geschicklichkeit recht bewusst 
wird. Also ist für Sobbes die „Leidenschaft des 
Lachens" ein plötzlicher Stolz der durch plötzliche 
Vorstellung einer besonderen Stärke unsrer selbst 
verglichen mit der Schwäche andrer oder der früher 
gehabten eigenen Schwäche hervorgerufen wird. 

Kommen wir nun zur Besprechung der Ver- 
wunderung und Neugierde. (^Chap. ix. i8.) 

Das Wachstum unsrer Erfahrung bedeutet auch 
eine Vermehrung unsres Wissens. Deshalb kann 
man bei irgend einem neuen Ereignis die Hoffnung 
haben, sein Wissen zu vergrössern. In dieser Hoff- 
nung besteht die Verwunderung nnd als Begehren 
aufgefasst, heisst sie Neugierde, d. h. Begierde nach 
Wissen. 

Durch diese Leidenschaft ist der Mensch den 
Tieren überlegen. Sie hat den Anlass sowohl zur 
Erfindung der Sprache, als zur Erkenntnis 
von Grund und Folge gegeben. Somit danken wir 
ihr auch alle Philosophie. Die Astronomie entstand 
nämlich durch Verwunderung über die Bewegung 
des Himmels, die Naturphilosophie durch Verwun- 
derung über die sonderbaren Wirkungen der Ele- 
mente und andrer Körper. 



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— 53 — 

Nach der Neugierde, die jemand den Erschei- 
nungen zuweist, bemisst sich sein Interesse an 
ihrer Erforschung. 

Wer nur auf der Jagd nach dem Gelde ist, dem 
ist es von geringem Interesse, ob der Tag dadurch 
entsteht, dass sich die Sonne bewegt, oder ob er 
durch die Bewegung der Erde veranlasst wird. 

Das Entzücken, das man über Neuigkeiten em- 
pfindet, wird zum Schluss verglichen mit der Hoff- 
nung aller Spieler, während die Karten gemischt 
werden. 

Als Beispiel der vielen Leidenschaften, für die 
es keine Bezeichnung giebt, nennt Hobbes die 
Freude der Menschen, vom Ufer aus Gefahren 
zu betrachten. {Chap. ix. 20.) 

Jedenfalls ist es eine mit Kummer gemischte 
Freude, weil ausser dem Gefühl unsrer Sicherheit 
das Mitleid wachgerufen wird. Trotzdem überwiegt 
das Entzücken so, dass die Menschen sich meist 
begnügen, die Zuschauer beim Unglück ihrer Freunde 
abzugeben. Diese Bemerkung ist gewiss ebenso 
richtig als pessimistisch. 

Zum Schlüsse wird das Leben mit einem 
Wettrennen verglichen. Ich setze die Uebersetzung 
dieses Bildes, wie sie T ö n n i e s giebt, ^) her. {Chap. ix. 21.) 

Darin ist Ansetzen, Begierde, Schlaffwerden, 
Sinneslust; die hinter einem betrachten, Stolz; 



1) cf. Tönnies 1. c. pag. 181 f. 



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— 64 — 

die vor einem betrachten, Demut; Tempoverlieren 
durch Rückwärtssehen, Eitelkeit; sich angehalten 
fühlen, Hass; umkehren, Reue; gut im Zuge sein, 
Hoffnung; müde sein, Verzweiflung; dem Nächsten 
zuvorzukommen versuchen, Eifer; jemand verdrängen 
oder niederwerfen, Neid; sich entscbliessen ein vor- 
hergesehenes Hindernis zu nehmen, Mut; ein plötzlich 
auftauchendes Hindernis nehmen, Zorn; mit Leich- 
tigkeit ein Hindernis nehmen, Erhabenheit; durch 
kleine Hemmungen Tempi verlieren, Kleinmut; 
plötzlich stürzen, ist Neigung zum Weinen; einen 
andern stürzen zu sehen, ist Neigung zum Lachen; 
einen übertroffen sehen, dem man es nicht wünscht, 
Mitleid; einen gewinnen sehen, dem man es nicht 
gönnte, Entrüstung; sich nahe an einem halten, 
Liebe; den vorwärts bringen, der sich so an einem 
hält, ist Barmherzigkeit; sich selber schaden 
durch Elle, Scham; fortwährend übertroffen werden, 
Elend; fortwährend den, der zunächst vor einem ist, 
übertreffen. Glück und die Bahn verlassen ist s t e r b e n. 



^ 



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Kapitel III. 



Kritik der Lehre des HOBBES. 



Modes of Self-hve the Passions we may call: 
*Tis real good, or seeming moves them all. 

POPE, Essay on Man, Ep, 2, 93 J, 



Unsere Auffassung von Hobbes' Affekten- 
lehre haben wir zu Anfang des vorigen Kapitels 
an einem selbstgevvählten Beispiel erläutert und gehen 
nun zur näheren Besprechung über. 

Zunächst darf man nicht vergessen, dass Hobbes 
die menschliche Natur malen will, wie sie im Durch- 
schnitt ist, und nicht etwa ein eigenes Ideal aufstellt. 

Bezeichnend für seinen Standpunkt ist die Aeusse- 
rung: Unjust is the name of the far greater part of men. 
Der Zweck des ganzen Traktats ist ja für Hobbes, 
zu zeigen, wie aus ihrer Natur heraus diese über- 
wiegend ungerecht denkenden Menschen zu einem 
»gedeihlichen Wirken vereinigt werden können. Spricht 
doch auch KANT ^) von der angeborenen Bösartig- 
keit der menschlichen Natur und weist bei seiner 
Einteilung der Leidenschaften der Ehrsucht und 



1) cf. Kant, Anthropologie. § 79 und % 85. 

6» 



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^ 5Ö - 

Herrschsucht einen hervorragenden Platz an, so 
wenig er im übrigen mit Hobbes übereinstimmt. 

Ein weiterer Gesichtspunkt ist der, dass Hobbes 
den Begriff der Machterweiterung sehr weit fasst. 

Macht bedeutet nach ihm die Summe aller 
körperlichen und geistigen Fähigkeiten, sowie die 
durch dieselben erworbenen Hilfsmittel zu weiterer 
Macht, wie Reichtum u. s. w. 

Die Aesthetik kommt bei ihm nicht zu kurz, 
er giebt, wie wir sahen, Theorien, die in ganz modern 
naturwissenschaftlicher Weise die Wirkung des 
Schönen zu erklären suchen. 

Sind in gewissem Sinne die Menschen des 
Hobbes alle Egoisten, so muss man sich erinnern, 
dass auch unter Egoismus alles Gute und Edle in- 
begriffen werden kann, denn schliesslich ist selbst 
die Selbstaufopferung eines Menschen für einen 
andern, also im wörtlichen Sinne das Gegenteil von 
Egoismus, doch, wenn man will, egoistisch zu inter- 
pretieren. Das Wort „egoistisch" verliert eben dann 
seine tadelnde Bedeutung. *) 

Das Schlussbild, in dem das Leben als ein 
Wettkampf dargestellt wird, ist, wie Hobbes selbst 
bemerkt, nur teilweise richtig. ^ 



1) cf. Platner, PhiloB. Aphorismen. 2. Teil. Leipzig 1782. pag.llSf. 
Auch des Helvetlns Lehre lässt sich so auffassen. 

3) Hobbes, Humane Nature. Ch. IX. 21. The eomparison of the Itfe 
of man io a Race, though U hold not in everp part, yet it holdeth «o well for this our 
pourpote, that we may thereby boih see and remember almottt alt the Passion» b^ore 
mentioned. Hiernach ist klar, dass es durchaus falsch wäre, einfach ein Olied 
dieses Oleichnisses losgelöst von den übrigen zu betrachten und etwa sn 
sagen: Hobbes definiert Hass mit „sieh angehalten fühlen". 



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— 57 — 

Trotzdem ist diese meisterhafte, packende Schilde- 
rung von grosser Lebenswahrheit und erläutert das 
Wort Hiobs „unser Leben ist ein Kampf". ^) 

Nach diesen allgemeinen Vorbemerkungen gehen 
wir zur genaueren Besprechung der dargestellten 
Lehren über. 

Hobbes hat auch im Leviathan sich über die 

Aflfekte ausgesprochen. {Leviathan, Cap, VI,) 

Aber wie schon Tönnies ^ bemerkt, ist die 
älteste Darstellung am vollkommensten. Wir wollen 
uns daher an die oben nach „Humane Nature" dar- 
gestellte Lehre halten. 

Die Schrift „Humane Nature" hat von Diderot 
das Lob erhalten: 

„Es ist ein Meisterstück der Logik und Ver- 
nunft, ein Buch, das man sein Leben lang 
lesen und kommentieren kann, ein Werk kurz 
und tief, allen Autoren, die ich citiert habe, 
überlegen." ^ 
Allein gerade die Leichtigkeit und Ungezwungen- 
heit der Darstellung, deren sich Hobbes in diesem 
Werk bedient, kann eine oder die andere wichtige 
Stelle übersehen oder wenigstens in ihrer Bedeutung 
für das Ganze unterschätzen lassen. 

So scheint mir Tönnies' Urteil über die Dar- 



^) „Muss nicht der Mensch immer im Streit sein auf Erden ?** H i o b , 7.1. 
2) cf. Tönnies 1. c. p. 180. 

^) ib. pag. 224, ich habe verschiedene Aeusserunicen Piderots 
9SQsammen|fezogex|. 



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— 58 — 

Stellung der Leidenschaften bei Hobbes nicht ein- 
wurfsfrei zu sein. 

Tönnies geht davon aus, dass Hobbes zwei 
psychologische Begriffe an die Spitze seiner Deduk- 
tion stelle: Macht und Ehre. 

Weiter heisst es wörtlich:^) 

„In der frühesten Fassung, die hier auch die 
vollkommenste ist, werden zuerst als die Be- 
wegungen der Seele, von denen animalische 
Bewegung dem Körper mitgeteilt werde, 
Lust, Liebe, Begehren als anziehende den 
abstossenden, nämlich Schmerz, Abneigung, 
Furcht entgegengestellt. Diese sind die all- 
gemeinen Affekte, die besonderen gehen aus 
besonderen Vorstellungen oder Gedanken 
hervor; diese beziehen sich auf Gegenwärtiges 
als Wahrnehmung, auf Vergangenes als Er- 
innerung, auf Zukünftiges als Erwartung; 
wer Freude erwartet, muss auch eine Macht 
in sich empfinden, sie zu erlangen; Macht 
schlechthin ist aber nur der Ueberschuss der 
Macht des einen über die andern; Aner- 
kennung überlegener Macht ist Ehre." 

Dann kommt als Citat 

„In der Lust und Unlust, die man empfindet 
durch die Zeichen von Ehre und Unehre, die 



1] cf, TOnnies 1. c. pa^. 180. 



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— 59 — 

einem zu teil werden, besteht das Wesen der 
besonderen Leidenschaften." 

Diese werden aufgezählt und dann die oben von 
uns wiedergegebene Schilderung des Wettrennens 
gebracht 

Zunächst ein paar Kleinigkeiten: admiration wird 
mit Bewunderung wiedergegeben, mir scheint nach 
dem Zusammenhang Verwunderung angebrachter. 

Ferner übersetzt Tön nies charity mit Caritas 
während der Begriff durch Barmherzigkeit wohl 
direkt wiedergegeben werden kann.^) 

Ausserdem fehlt aber in dieser Darstellung der 
Zusammenhang der Affekte mit dem Willen, 
wenngleich Tönnies im vorhergehenden Absatz den 
Willen behandelt hat und nun die Darstellung von 
den Leidenschaften mit den Worten beginnt: ^ 

„Hiermit (sc. mit Hob b es' Willenslehre) 
hängt denn seine Lehre von den Affekten 
oder Passionen aufs engste zusammen." 

Wenn Tön nies von Lust und Schmerz sagt, sie 
seien die allgemeinen Affekte, die besonderen gehen 
aus besonderen Vorstellungen oder Gedanken hervor, 
so bekommt der Leser den Eindruck einer Incongruenz 
der Darstellung, indem den vorher mit Bewegungs- 
erscheinungen in Zusammenhang gebrachten Affekten 
der Lust und Unlust die übrigen als durch besondere 
Vorstellungen erregte beigesellt werden. 

Auch setzte ich für „Kleinmatigkeit*' Kleinmnt. 
«^ Cf. T ö u u i e 8 1. c. pag. 180, 



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— 60 — 

Ziemlich unvermittelt kommt dann das obige 
Citat. Ueberhaupt hat man das Gefühl, wo bleiben 
hier die körperlichen Begleiterscheinungen der Affekte? 
Selbst Tön nies scheint sich diesem Gefühl nicht 
entziehen zu können, wenn er sagt: 

„In Bezug auf die Darstellungen möge hervor- 
gehoben werden, dass in einem gewissen Kontraste 
zu der rein empirischen Betrachtung des Willens hier 
eine rein begriffliche Konstruktion zu Grunde liegt." ^) 

Bei unserer in strengem Anschluss an Hob b es 
Schrift im vorigen Kapitel gegebenen Darstellung 
ist jedoch die-Einheitlichkeit in Betrachtung der 
Affekte, wie das Hereinziehen eines körperlichen 
Moments in jeden Affekt streng gewahrt. 

Danach werden von allen Gegenständen Vor- 
stellungen, d. h. Gehirnbewegungen erregt, die sich 
dann zum Herzen fortpflanzen, dort die Thätigkeit 
hemmen oder fördern und dadurch Lust resp. Unlust 
erregen. Ist somit in gewissem Sinne jede Lust und 
Unlust rein körperlicher Natur, so ist sie in 
anderem Sinne auch rein geistiger Natur. 

Die Bewegung des Herzens kann nur durch die 
bewegende Kraft des Geistes veranlasst werden. Diese 
wird aber ihrerseits durch eine Willenshandlung be- 
wirkt, die wieder ihren Ursprung in dem Abschluss 
des Alternierens von geistiger Lust und Unlust, d. h. 
von dem Gedanken an zukünftige Machterweiterung 



») cf. T ö n n i e B 1. c. pag. 188. 



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-Bl- 
öder Machtbeschränkung hat. Diese Gedanken aber 
werden durchVorstellungen und Erwartungen gezeitigt. 
Ich verweise auf das im vorigen Kapitel erwähnte 
Beispiel und die graphische Darstellung. 

Die einzelnen Leidenschaften sind nun zahllos, 
indem jeder Gegenstand eine Vorstellung erregt, die 
wieder zu Lust- und Unlustgedanken und damit ver- 
bundener körperlicher Empfindung (Herzthätigkeit) 
Anlass giebt. 

So ist es von Hobbes nur correkt, wenn er für 
die einzelnen Leidenschaften die einzelnen Vor- 
stellungen aufsucht, welche zunächst geistige, dann 
körperliche Lust und Unlust erregen. 

Mit dieser Darstellung vergleiche man folgende 
Stelle von Tönnies: 

„DieVorstellung ist dann freilich einfach genug, 
wie er an andern Stellen oft ausführt, dass die 
Objekte zugleich Empfindung ihrerselbst und 
eine Förderung oder Hemmung des Blut- 
umlaufs bewirken, danach Tendenzen zu sich 
oder von sich, dass Ueberlegung nichts sei als 
eine Abwechslung dieser Tendenzen und Wille 
nichts als die jedesmal stärkste, die sich zur 
Handlung gleichsam verlängernde Tendenz." 

Auf unsern Fall angewendet ist diese kurze Dar- 
stellung mindestens missverständlich. 

») cf. Tönnies 1. c. pa«. 178. 



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Kapitel IV. 



DESCARTES. 



Luft und WelPf Elementengeister, 
Können nicht widerstehn der Erregung; 
Aber des Menschen Qeist kann Meister 
Werden seiner Qemutsbewegung. 

ROCKERT, Vierzeilen. 74. 



„Ich denke, mithin bin ich." „Nur der 
Zweifel führt zur Wahrheit." „Die Seele sitzt 
in der Zirbeldrüse." „Der Raum ist mit Wirbeln 
erfüllt." 

Glaubt man nicht Descartes zu hören? Und 
doch findet sich der erste Satz bei Augustin,^) der 
zweite bei Algazel,^ der dritte bei Galen ^ und 
der vierte bei Giordano Bruno.*) 

Weit entfernt aber, auch nur einen dieser Autoren 
zu eitleren, hebt Descartes stets die Neuheit seiner 



^) Augustinus, De vera rellgione 73 cf. Willmann, Geschichte 
des Idealismos. Braanschwelg. Vieweg and Sohn. 1894—97. Bd. II pag. 250 
u. Bd. III pag. 248. an letzterer Stelle ist die Rede von Descartes' nMangel 
an geschichtlichem Verständnis der Probleme.** Welter hetsst es: 3r ist 
ein völlig unhistorischer Geist und hat seiner Schule den m^pri* du panae 
vermacht, der ihr oft gerechten Tadel zugezogen hat.** 

3) ef. 8t0ckl,II pag. 189. 

•) ef . diese Abhdlg. pag. 10. 

*) cf. Johann Andreft Fabricii. Abriss einer allgemeinen Historie 
der Gelehrsamkeit III. Bd. Leipzig. Weidmann. 1754. pag. 814« 



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— 63 — 

Gedanken hervor, und erwähnt seine Vorgänger meist 
nur, um sie zu tadeln.*) 

Ganz besonders scharf tritt dieser Standpunkt 
uns bei dem berühmten und verdienstvollen Werke 
entgegen, das uns hier beschäftigt. 

Seine Schrift „les passions de Tarne" erschien zuerst 
1649 in Amsterdam.^ Sie liegt mir in einer Ausgabe 
vom folgenden Jabre vor mit dem Titel: Les passions 
de räme par Ren^ des Cartes. Sur la Copie imprimde ä 
Amsterdam. A Paris, chez Gervais Aliot, au Palais, proche 
la Chapellc de S. Michel. 1650. 

Die Schrift ist für die Prinzessin Elisabeth von 
der Pfalz, die Tochter des unglücklichen Winter- 
königs, geschrieben, deren Scharfsinn von Descartes 
hoch gerühmt wird, und der er bereits seine Prin- 
cipia Philosophiae gewidmet hatte. 

Bereits in zahlreichen Briefen an diese Prinzessin 
hatte Descartes seine Auffassung von den Leiden- 
schaften behandelt. 

Auf diese Briefe und die Abhandlung „les passions 
de räme" selbst stützt sich die Dissertation von PAUL 
PL^ESSNER, „Die Lehre von den Leidenschaften bei 



^) cf. Anm. 1. Hiermit soll nicht behauptet werden, da88 Descartes 
diese Vorgänger gekannt haben moss, obwohl es mir bezügl. Angnstins 
und G a 1 e n 8 wahrscheinlich ist . Genaueres hierüber Hesse sich vielleicht ans 
seinen Briefen feststellen. Der Grund, warum in vorliegender Abhandlung 
die Vorgänger Descartes' so hervorgehoben sind, ist der anmassende Ton, 
indem Descartes von ihnen spricht. Dieser Ausspruch Descartes' hat 
gewiss mit su der verbreiteten Ansicht von der spningweisen Entwicklung 
der Wissenschaften und dem »donkeln** Mittelalter das seinige beigetragen. 

^ Die mir vorliegenden Angaben schwanken iwischen 1649 und 1650. 
Der letzte der 2 Briefe des Descartes ist datiert 14. Aug^t 1649 vergl. 
I^uch Kapitel VI Beginn, 



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— 64 — 

Descartes. Ein Beitrag zur Beurteilung seiner 
praktischen Philosophie. Leipzig 1888." 

Diese Abhandlung zerfällt in zwei Teile. Im 
ersten wird nach einer Darlegung der ethischen 
Ansichten des Descartes sein Werk „les passions de 
räme" in den Hauptzügen wiedergegeben. Der zweite 
Teil giebt eine Kritik der. Descartes'schen Lehre 
von den Leidenschaften, in der Plessner ihreStellung 
zur Gesamtphilosophie des Descartes, den er- 
klärenden Wert seiner Theorie der Lebensgeister, 
überhaupt eine Untersuchung über den ganzen Cha- 
rakter der Descartes'schen Auffassung von den 
Leidenschaften giebt. 

Die Abhandlung ist klar und lichtvoll geschrieben. 
Besonders eingehend ist das Verhältnis der Lehre 
von den Leidenschaften zur cartesianischen 
Ethik behandelt. 

Während jedoch Plessner die Bedeutung der 
passions de Täme für die spätere Philosophie mehr- 
fach streift, ist in seiner Darstellung die Entwicklung 
der bezüglichen Lehren vor Descartes nahezu nicht 
berührt. In dieser Hinsicht werden nur die Stoiker 
und bei Gelegenheit Aristoteles erwähnt. 

Mehrere dadurch hervorgerufene Fehler der 
Plessnerschen Darstellungen werden wir im näch- 
sten Kapitel zu besprechen haben. 

Versuchen wir nun eine kurze Skizze der 
cartesischen Lehre von den Leidenschaften 
in direktem Anschluss an die passions de rjlme, 



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— 65 - 

Das Werk enthält statt der Vorrede zwei Briefe 
anDescartes mit den kurzen Antworten des Autors. 
Auf diese Briefe werden wir im nächsten Kapitel 
ausführlicher einzugehen haben. 

Das Werk selbst zerfällt in drei Teile. Der 
erste handelt von den Leidenschaften im allgemeinen, 
der zweite von der Anzahl und Ordnung der Leiden- 
schaften und der Erklärung der sechs ursprünglichen. 
Der dritte endlich handelt von besonderen Leiden- 
schaften. 

Für unsern Zweck am wichtigsten ist der erste 
Teil, dessen Besprechung wir uns jetzt zuwenden. 

£rster Teil. 

Er umfasst 50 Artikel, die wir in folgende 4 Ab- 
schnitte zerlegen können: 

Artikel 1 und 2 
Einleitung, 

Artikel 3 bis 32 
Körper und Seele, 

Artikel 33 bis 39 
Sitz und Entstehung der Leidenschaften, 

Artikel 40 bis 50 
Die Leidenschaften und der Willd. Ethik. 

1. Abschnitt (Einleitung.) 
Die Einleitung beginnt mit einem scharfen 
Tadel der Alten, die über diesen Gegenstand so 



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- 66 - 

weniges und so unglaubwürdiges geschrieben hätten, 
dass Descartes die Leidenschaften behandeln will, 
als sei er überhaupt der erste, der sie in Angriff 
nimmt. 

Des weiteren wird darauf hingewiesen, dass 
jede passion des empfindenden Subjektes eine action 
von Seiten des Erregers der Leidenschaft ist, so 
dass action und passion zwei Ausdrücke für dieselbe 
Sache sind. 

Am meisten wirkt nun aber der Körper auf die 
Seele ein. Also wird einer passion der Seele eine 
action des Körpers zu gründe liegen, und daher muss 
zuerst das Verhältnis zwischen Körper und 
Seele untersucht werden. 

2. Abschnitt. 

Alles das, was auch in leblosen Körpern sein 
kann, muss dem Körper zugerechnet werden, und 
alles, was in keiner Weise bei einem leblosen Körper 
gefunden wird, gehört der Seele an. 

Somit wird gezeigt, dass Wärme und Bewegung 
körperliche Ursachen haben, während die Gedanken 
aus der Seele kommen. Kommt doch der Tod nicht, 
weil die Seele fehlerhaft wird, sondern, weil die 
körperliche Maschine stockt. 

Um dies noch näher zu erläutern, giebt Des- 
cartes eine kurze Uebersicht über die Phy- 
siologie des menschlichen Körpers, bei der er 
(wie auch in seinen andern Schriften) sich als be- 



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— 6? - 

geisterten Anhänger der Harvey'schen Lehre vom 
Blutumlauf erweist.^) 

Im Artikel 10 beginnt die Lehre von den 
Lebensgeistern. Die feinsten Biutteilchen, die 
durch die Wärme im Herzen verdünnt sind, treten 
unaufhörlich in grosser Menge ins Gehirn. Die grosse 
Arterie führt nämlich in gerader Linie dorthin, da 
aber sich in dem engen Raum die Blutkörperchen 
drängen, so steigen nur die leichtesten nach oben. 

Diese sehr feinen Blutteilchen sind nun 
die Lebensgeister les esprits animaux. 

Ausdrücklich hebt Descartes hervor, dass diese 
„Geister" Körper seien, sie seien nur sehr klein und 
mit sehr grosser Geschwindigkeit begabt. ^ 

Kommen nun die neuen Lebensgeister ins Gehirn, 
so werden die alten verdrängt, gehen in die Nerven 
und von da in die Muskeln. Im Anschluss hieran 
schildert Artikel 11, wie die Muskeln durch die 
hineinkommenden Lebensgeister bewegt werden. 



*) Harvey selbst spricht an einer SteUe, an der er Deseartes 
berichtigt, von Descartes in lobenden Ausdrücken. Er ist ihm: ingenio 
pollen», aciUitaimua vir Renatus CARTESIUS (eui ob mentionem mei nominit hono- 
rifieam plurimum dtbeo). Oulielmi HA R VA EI Medici Regit de Motu Cordiu et 
Sangtufä» circulo. Roierdami Ap. Leer» 1661 pag. 280. Auf Descart^S' 
Stellung zur Media in sei wenigstens kurz verwiesen. Eine Reihe auf 
Descartes zurückgehender wichtiger Versuche finden sich z. B. bei, 
Landois, „Lehrbuch der Physiologie des Menschen. Wien 1880" angegeben. 

Die ^Lebensgeister^ die schon Harvey einen S-ibv ano firixai^i 
[cf. 1. c. p. 226. Auch sagt er sehr trocken, er hätte bei seinen Untersuch- 
ongen nie welche finden können, ib.] nannte, spukten noch lange in ver- 
schiedenster Gestalt herum, vergl. Haeser, Geschichte der epidemischen 
Krankheiten. Jena. Mauke 1865 pag. 506 fT.. 

*) Plessnerl. c. vergleicht sie mit Gasmolekeln (pag. 15). 



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-^ 68 — 

Der Grnndgedanke ist, es handelt sich stets um 
zwei Muskeln, deren einer sich verkürzt, während 
sich der andere verlängert. Beide enthalten im Ruhe- 
zustand bereits Lebensgeister. Durch die vom Gehirn 
kommenden neuen. Lebensgeister werden nun die be- 
reits vorhandenen „bestimmt", aus dem einen Muskel 
in den andern überzutreten. Die Folge hiervon ist, 
dass sich der Muskel, der mehr enthält, verkürzt, 
der andere verlängert. 

Hierbei wird angenommen, dass die einzelnen 
Muskeln ventilartige Poren haben, die den von der 
einen Richtung kommenden Lebensgeistern den Zu- 
gang gestatten und den Weggang der bereits vor- 
handenen nach der andern Richtung hindern. 

Die Nerven werden durch die Lebensgeister 
immer gespannt erhalten. 

Während nun oft die Lebensgeister den Muskeln 
in verschiedener Weise zuströmen infolge eines Acts 
der Seele, giebt es auch Muskelbewegungen, die auf 
rein körperliche Ursachen zurückzuführen sind. 

Werden nämlich die Sinne gereizt, so werden 
die Nervenerschütterungen ins Gehirn fortgepflanzt. 
Diese Gehirnbewegungen brauchen nun nicht immer 
die Seele zu afficieren, sondern können auch direkt 
Veranlassung werden, dass die Lebensgeister einem 
Muskel zuströmen. 

Beispiel: Das unwillkürliche Schliessen der Augen 
bei einer raschen Handbewegung. 



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— 69 — 

Die Maschine unseres Körpers ist nämlich 
so eingerichtet, dass die Bewegung dieser Hand nach 
unseren Augen eine zweite Bewegung im Gehirn er- 
regt, welche die Lebensgeister den lidschliessenden 
Muskeln zuführt. 

Eine zweite körperliche Ursache für die Be- 
wegung der Lebensgeister ist der Umstand, dass sie 
verschiedene Dichte und Geschwindigkeiten haben, 
also zu ungleichen Zeiten im Gehirn ankommen und 
entsprechend verschiedene Bahnen gehen. 

Diese Ungleichheit der Lebensgeister hat 
nun w^eiter ihren Grund erstens in der Materie, aus 
der sie entstehen, z. B. aus den Dünsten des Weins, 
zweitens in dem Zustand der Körperorgane, die bei 
der Blutbereitung mitsprechen. 

Besonders wichtig sind gewisse kleine Nerven 
am Grunde des Herzens, welche die Eintrittsöflfnungen 
verengern oder erweitern. 

Auch fliesst das Blut dem Herzen nicht ganz 
gleichmässig von allen Teilen des Körpers zu, bald 
kann das des einen Körperteils schneller ankommen 
als das des andern, bald ist es umgekehrt. 

Kurz alle unwillkürlichen Bewegungen hängen 
nur von der Form unserer Glieder und dem durch 
den Körperzustand bedingten Lauf der Lebensgeister 
ab, ebenso wie eine Uhr durch die Feder und die 
Gestalt der Räder bewegt wird. 

Die Funktionen der Seele beschränken sich 
allein auf die Gedanken. Diese wieder zerfallen 



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- 70 — 

in zwei Arten, thätige und leidende. Unter die 
ersteren fallen alle Willenshandlangen, unter 
die letzteren die Vorstellungen und Kenntnisse. 

Die Willenshandlnngen zerfallen wieder ihrer- 
seits in solche, die rein Seelisches zum Gegenstande 
haben, und in solche, welche im Körper endigen^ 
z. B. wenn wir gehen wollen. 

Auch bei unseren Vorstellungen müssen wir 
unterscheiden, ob sie von der Seele oder vom Körper 
herrühren. 

Im ersteren Falle sind es die Vorstellungen 
unsrer Willenshandlungen. 

Wir müssen, wenn wir etwas wollen, gleich- 
zeitig dies Wollen auch vorstellen. So ist also alles 
Wollen activ und passiv zugleich, wird aber nach 
dem „vornehmeren" Vorgang meist activ „eine Hand- 
lung" genannt. ^) 

Deshalb erscheinen uns auch die Phantasien 
(z. B. ein Märchenschloss) als eine Thätigkeit der Seele. 

Bei den Vorstellungen, die vom Körper erregt 
werden, hängen zwar die meisten von den Nerven 
ab, andere aber werden durch die Lebensgeister 
veranlasst, die im Gehirn zufällig über früher dort 
bewirkte Eindrücke huschen. 

So ist es der Fall, wenn wir wachend oder 
schlafend träumen. 



^) Ueber die hier vorliegende Verwechslang cf. v. Kirehmann 
in Rena Descartes' Philosophische Werke Qherselst, erlftutert and mit 
einer Lebensbeschreibung des Descartes versehenyonJ.U.v. Kirchmann. 
Berlin 1870. Heimann. (Bd. 26 der bekannten Philosophischen Bibliothek.) 



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— 71 — 

Bei den Vorstellungen, ^welche auf Nerven- 
erregung beruhen, verlegen wir die Ursache teils nach 
aussen, teils in unseren Körper, teils in die Seele. 

Im ersteren Falle glauben wir dann entsprechende 
Wahrnehmungen an den Gegenständen selbst zu 
machen, während diese nur Bewegung aussenden. 

Wahrnehmungen, die wir dem Körper zu- 
schreiben, sind Hunger, Durst und andere 
natürliche Triebe; auch Schmerz, Hitze und 
andere Empfindungen gehören hierher. 

Durch einen und denselben Nerv erfahren wir 
gleichzeitig, dass die Umgebung kalt und unsere 
Hand warm ist. 

Zum Teil halten wir in solchen Fällen das, was 
von unserm Körper ausgeht, von dem, was von 
aussen kommt, nur durch die Erinnerung, welcher 
Eindruck zuerst da war, auseinander. 

Der Seele werden die Vorstellungen zu- 
geschrieben, deren Wirkungen man in der 
Seele verspürt, und die man meist keiner 
nächsten Ursache zuschreiben kann. 

So ist es der Fall bei den Gefühlen der Freude, 
des Zorns und ähnlicher, die bald von den Objekten 
erregt werden, welche unsere Nerven erregen, bald 
von anderen Ursachen herrühren. 

Obwohl man nun sowohl die Vorstellungen, 
welche man auf äussere Gegenstände zurückführt, 
als die, deren Ursache wir unserm Körper zu- 



6* 



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^ 72 - 

schreiben, passions nennen könnte, so pflegt man 
doch diesen Ausdruck allein auf diejenigen zu be- 
schränken, die sich auf die Seele selbst beziehen. 

Nur diese letzten will Descartes im vorliegenden 
Werk erklären. 

Eingeschaltet muss werden, dass alle Vorstel- 
lungen, die von Nerveneindrücken herrühren, in der 
Seele auch durch die zufällige Bahn der Lebens- 
geister erregt werden können. Der Unterschied der- 
selben besteht ebenfalls darin, dass die auf Nerven- 
eindrücke zurückzuführenden stärker und lebhafter 
zu sein pflegen. 

Die Aehnlichkeit beider Arten von Vorstellungen 
kann zur Verwechslung ihrer Ursachen führen. 

Solche Verwechslungen sind bei den Leiden- 
schaften, die ja die Seele unmittelbar angehen, 
ausgeschlossen. 

So kann man zwar irrtümlich im Traum Gegen- 
stände zu sehen vermeinen, die nicht da sind, em- 
pfindet man aber im Traum eine Leidenschaft, wie 
z. B. Trauer, so hat die Seele in diesem Moment 
die Leidenschaft auch wirklich. 

Definition der Leidenschaften. 

Leidenschaften sind Vorstellungen oder 
Gefühle oder Erregungen der Seele, die man 
ihr allein zuschreibt, und die verursacht, 
unterhalten und verstärkt werden durch Be- 
wegungen der Lebensgeister. 



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— 73 — 

Zu dieser Definition giebt Descartes einige 
Worterklärungen. 

So darf Vorstellung hier nicht im Sinne von 
sicherer Kenntnis genommen werden. Gefühle werden 
die Leidenschaften genannt, weil ihre Wahrnehmung 
durch die Seele der seelischen Wahrnehmung körper- 
licher Gefühle ähnelt. Am besten aber heissen sie 
Gemütsbewegungen, weil sie zugleich die hef- 
tigsten Erregungen sind, deren die Seele fähig ist. ^) 

Ferner unterscheidet der Zusatz „der Seele" die 
Leidenschaften von den auf äussere Gegenstände 
oder unsern Körper zurückzuführenden Vorstellungen. 
Der Zusatz von ihrer Entstehung durch die Lebens- 
geister endlich unterscheidet sie von den Willens- 
erscheinungen, die Seelenerregungen genannt werden 
können, welche sich auf die Seele beziehen, aber 
zugleich von ihr selbst bewirkt werden. 

Zum genaueren Verständnis der Wirkung der 
Leidenschaften geht Descartes ausführlich auf das 
Verhältnis zwischen Körper und Seele, ein. 

Die Seele ist mit dem ganzen Körper verbunden, 
ist in gewisser Beziehung unteilbar, hat überhaupt 
keine Ausdehnung noch irgend welche materielle 
Eigenschaften. Die einzige Beziehung, die sie zum 
Körper hat, ist die, dass ihr Verweilen im Körper 
von dem Zusammenwirken der körperlichen Organe 
abhängig ist. 



1) Dieser Ausdruc)( „Gemütsbewegungen" ist der auch heute 
meist adoptierte. 



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— 74 — 

Trotzdem giebt es einen Teil des Körpers, in 
dem die Seele ilire Funktionen mehr aasübt, als in 
allen andern. 

Man glaube meist, dass dieser Teil das Gehirn 
oder das Herz sei. Zum Gehirn fuhren die Sinnes- 
organe und im Herzen fühlt man die Leidenschaften. 

Bei genauerer Prüfung glaubt jedoch Des- 
cartes evident erkannt zu haben, dass die Stelle 
des Körpers, in der die Seele unmittelbar 
ihre Funktionen ausübt, keineswegs das Herz 
oder das ganze Gehirn, sondern nur sein innerster 
Teil ist, ^) nämlich eine kleine Drüse in der 
Mitte der Gehirnmasse und so aufgehängt über 
den Weg, den die Geister nehmen müssen, die von 
den vorderen Höhlungen zu den hinteren gehen oder 
umgekehrt, dass ihre kleinsten Bewegungen einen 
grossen Einfluss auf den Weg der Geister haben, 
und dass andrerseits die kleinsten Aenderungen im 
Wege der Geister die Bewegungen dieser Drüse 
stark ändern können. 

Der Grund zur Annahme, dass die Seele ihre 
Wirkungen besonders in dieser Drüse ausübt, ist 
folgender: 

Alle andern Teile unseres Gehirns treten doppelt 
auf, ebenso wie die Sinnesorgane. Nun haben wir 



1) Den Umstand, dass nach Descartes die Zirbeldrüse zugleich den 
innersten Teil des Gehirns bildet, scheinen mir die gewöhnlichen Dar- 
stellangen der carteaischen Lehre nicht zu erwähnen, obgleich er für 
Descartes' Ansicht, dass der Sitz der Seele in der Zirbeldrüse sei, wohl 
mit massgebend war. 



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— 75 — 

aber z. B. nor ein Bild von den Körpern, also müssen 
sich die beiden von den Angen gelieferten irgendwo 
treffen, ehe sie zur Seele kommen. Dies ist nur bei 
dieser Drüse möglich, zumal hier, wie oben be- 
schrieben wurde, die Lebensgeister vorbei gehen, 
deshalb ist die Seele hauptsächlich in der Drüse 
wirksam, falls man nicht annehmen will, dass das 
von der Drüse gelieferte einheitliche Bild nach einem 
andern Orte hingeleitet wird, was Descartes' 
Annahme augenscheinlich nicht ist. 

3. Abschnitt. 

Die Annahme, dass der Sitz der Seele im Herzen 
sei, weil wir dort die Leidenschaften fühlen, ist 
gerade so sinnreich, wie etwa die Vorstellung, die 
Seele wäre im Himmel, weil wir ja dort die Sterne 
sehen. Vielmehr geht ein kleiner Nerv vom Gehirn 
zum Herzen. 

Die Seele hat also ihren Hauptsitz in der kleinen 
Drüse in der Mitte des Gehirns, von da strahlt sie 
in den ganzen übrigen Körper aus durch die Geister, 
die Nerven, ja auch die Arterien, indem das Blut 
die durch die Geister bewirkten Eindrücke weiter 
trägt. Nach einer kurzen Wiederholung der Wir- 
kung der Sinne durch die Nerven auf die Lebens- 
geister wird darauf aufmerksam gemacht, dass die 
Drüse sowohl von den Lebensgeistern wie von der 
Seele bewegt werden kann. Die Bewegungen der 
Drüse empfindet die Seele als Vorstellungen, 



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— 76 — 

Die Maschine des Körpers ist so eingerichtet, 
dass die Bewegungen der Drüse ihn veranlassen, die 
Lebensgeister nach den Poren des Gehirns zu stossen, 
durch die sie längs der Nerven in die Muskeln ge- 
führt werden, vermittelst deren dann die Glieder 
bewegt werden. 

Um die Entstehung der Leidenschaften zu 
zeigen, benutzt nun Descartes ein Beispiel, das 
wir oben in Hobbes Gedankenkreise ausführten. 
Sehen wir zu, wie sich dasselbe bei Descartes 
gestaltet. 

Angenommen eine seltsame, sehr schreckliche 
Gestalt nahe uns. 

Das Licht, das von ihrem Körper zurückgeworfen 
wird, malt zwei Bilder, in jedem Auge eins. Diese 
zwei Bilder geben durch Vermittlung der Sehnerven 
Anlass zu zwei weiteren Bildern in der Innenfläche 
des Gehirns, von da strahlen diese Bilder durch die 
Lebensgeister, von denen die Gehirnhöhlen erfüllt 
sind, so nach der kleinen Drüse, dass sich die von 
entsprechenden Punkten der Bilder ausgehenden Be- 
wegungen im selben Punkte der Drüse treffen, diese 
wirkt direkt auf die Seele, so sehen wir das Bild 
des Tieres. 

Hat nun dies Bild viele Aehnlichkeit mit Dingen, 
die vorher dem Körper schädlich waren, so entsteht 
in der Seele die Leidenschaft der Besorgnis und 
hierauf entweder die der Kühnheit oder der Furcht, 
je nach der Veranlagung des Körpers oder der 



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— 77 — 

Seele, und je nachdem man sich früher schädlichen 
Dingen durch die Flucht entzogen oder sich durch 
Verteidigung dagegen zu wehren gewöhnt hat. 

Denn eine solche Gewohnheit macht das Gehirn 
geeignet, dass die von dem Bild auf der Drüse reflek- 
tierten Lebensgeister sich teils zu den Nerven be- 
geben, welche den Körper drehen und die Beine zur 
Flucht bewegen, und teils zu den Nerven, welche 
die Oefifnungen des Herzens verändern oder über- 
haupt auf die Blutquellen einwirken, so dass das 
im Herzen in anderer Weise als gewöhnlich ver- 
dünnte Blut Lebensgeister ins Gehirn schickt, welche 
die Leidenschaft der Furcht unterhalten and ver- 
stärken, das heisst, die betreffenden Poren des Ge- 
hirns zum Eintritt der Lebensgeister in die betreffenden 
Nerven offen halten oder noch mehr öffnen. 

So erregen die auf diesen Wegen geführten 
Lebensgeister eine besondere Bewegung in der Drüse, 
die eben von der Natur eingerichtet ist, um die 
Seele die Leidenschaft der Furcht empfinden zu lassen. 

Weil nun diese Poren hauptsächlich zu den 
Nerven, welche die Herzöffnungen verändern, in 
Beziehung stehen, so empfindet die Seele die Leiden- 
schaft der Furcht, als ob sie im Herzen ihren Sitz 
hätte. Aehnlich ist es mit allen andern Leiden- 
schaften. Ebenso wie die Bewegung der Lebens- 
geister zu den Herznerven die Seele mit der Leiden- 
schaft der Furcht erfüllt, wird diese Leidenschaft 
rein durch die Anordnung der Organe des Körpers 



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— 78 — 

in der Seele raiterregt, wenn sich die Lebensgeister 
in die Nerven begeben, welche die Beine zur Flucht- 
bewegung veranlassen. 

Grosse Unterschiede in der Erregung entgegen- 
gesetzter Leidenschaften bei verschiedenen Menschen 
durch dieselben äusseren Ursachen haben ihren 
Grund im verschiedenen Bau der Gehirne, wodurch 
die Lebensgeister z. B. statt zu den Beinnerven zu 
gehen, veranlasst werden, Yerteidigungsbewegungen 
der Hände zu bewirken. 

4. Abschnitt. 

Die Hauptwirkung der Leidenschaften be- 
steht bei den Menschen darin, dass sie die 
Seele veranlassen, das zu wollen, wozu der 
Körper sich anschickt. 

Von den oben erwähnten zwei Arten von Ge- 
danken stehen nun die thätigen absolut in der 
Gewalt der Seele und können nur indirekt durch 
den Körper beeinflusst werden, während umgekehrt 
die leidenden Gedanken nur indirekt von der Seele 
beeinflusst werden können, wenn sie nicht direkt 
von ihr abhängen. 

Alle Thätigkeit der Seele beruht nun darin allein, 
dass sie durch ihre Willensäusserungen die Drüse 
in zweckentsprechender Weise bewegt. 

Ebenso werden von der Seele, wenn sie sich an 
etwas erinnern will, die Lebensgeister durch die 
bewegte Dräse nach verschiedenen Seiten hin ent- 



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— 79 — 

sandt. Der gesuchte Gedanke hatte seinerzeit durch 
die ihn begleitenden Bewegungen der Lebensgeister 
die Poren in ganz besonderer Weise ausgeweitet, 
kommen nun die Lebensgeister wieder durch diese 
Poren, so wird in der Seele ein ähnliches Gefühl 
erregt, wie bei der Entstehung des gesuchten Ge- 
dankens. 

So findet ihn die Seele wieder. Ganz analog 
wird die Aufmerksamkeit und die Art, wie die 
Seele den Körper bewegt, erklärt. 

Im Artikel 44 bespricht Descartes die Er- 
scheinung, dass nicht alle Bewegungen in unserer 
Macht stehen, sondern dass infolge der Gewohnheit 
oder einer Natureinrichtung wir mitunter eine Be- 
wegung nur indirekt wollen können. So ist es z. B. 
leichter ein Wort auszusprechen, als die dazu nötigen 
Bewegungen zu wollen. 

So können denn auch die Leidenschaften 
nicht direkt vom Willen erregt oder beseitigt 
werden, aber indirekt durch Vorstellung der 
damit verbundenen Erscheinungen, die den 
durch die Leidenschaft gewünschten entgegengesetzt 
sind. Ein besonderer Grund, der dem Willen, die 
Leidenschaften zu unterwerfen, entgegenarbeitet, ist 
der Umstand, dass die Leidenschaften fast alle mit 
einer Erregung des Herzens und entsprechender Be- 
wegung des Blutes und der Lebensgeister verbunden 
sind, so dass zwar von schwächeren Leidenschaften 
die Aufmerksamkeit abgezogen werden kann, dagegen 



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— 80 — 

die Seele von solchen, welche gerade stark wirken, 
ebenso abhängig ist wie von starken sinnlichen Ein- 
drücken. Höchstens kann die Seele abwarten, bis 
sich die Bewegung der Geister gelegt hat, und in- 
zwischen den durch die Leidenschaft nahe gelegten 
körperlichen Bewegungen nicht nachgeben. 

In diesem Kampf der körperlichen Lebens- 
geister und der Seele, die beide gleichzeitig die 
Drüse erregen, besteht der sonst so genannte Streit 
zwischen sensitiver und vernünftiger Seele oder natür- 
lichen Gelüsten und dem Willen. Die Seele ist 
einheitlich. 

An diesem Kampf erprobt mau die starken 
imd die schwachen Seelen. Descartes unter- 
scheidet drei Grade: die einen unterwerfen die 
Leidenschaften rasch durch Ueberlegung, die andern 
bekämpfen sie durch Lieblingsleidenschaften, und die 
schwächsten Seelen gehorchen jeder Leidenschaft, die 
sie erfasst. Der letzte Fall ist selten. Allein auch 
bei Unterwerfung der Leidenschaften durch Ueber- 
legung kommt es darauf an, ob diese Ueberlegung 
richtig oder falsch ist. 

Descartes schliesst diesen allgemeinen Teil 
seiner Untersuchung über die Leidenschaften mit dem 
Satze, dass keine Seele so schwach sei, dass 
sie sich nicht unter richtiger Anleitung eine 
vollkommene Gewalt über ihre Leiden- 
schaften erwerben könne. 



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— 81 — 

Der Weg zu diesem hohen ethischen Ziel ist 
die Gewöhnung. Diese übt ihren Einfluss, wie 
die Dressur zeigt, ja sogar auf die unvernünftigen 
Tiere aus. 

Haben wir somit in engem Anschluss an Des- 
cartes selbst zum Teil in wörtlicher Uebersetzung 
diesen wichtigsten Teil seines Werkes genauer kennen 
gelernt, so beschränke ich mich bezüglich der beiden 
andern auf ganz kurze Andeutungen. 

Um jedoch dadurch nicht den Masstab zu ver- 
rücken für die Ausdehnung, welche die einzelnen 
Teile in Descartes Werk selbst einnehmen, betone 
ich, dass in der oben citierteu Ausgabe der erste 
Teil 78, der zweite Teil 125 und der dritte Teil 
71 Seiten umfasst. 

Zweiter und dritter Teil. 

Der zweite Teil beginnt mit folgender Regel, 
um alle Leidenschaften zu finden: Da sie sämt- 
lich von den äusseren Objekten erregt werden können 
und meist in der That durch sie erregt werden, so 
genügt es, alle Wirkungen dieser Gegenstände zu 
besprechen, die in Betracht kommen. 

In Betracht kommen aber diese Erregungen nur, 
insofern sie uns nützen oder schaden können, über- 
haupt wichtig sind. 

Hiernach werden nun aufgezählt: Die Ver- 
wunderung, die allen andern vorausgeht, indem sie 
uns nur auf die Neuheit einer Sache aufmerken lässt, 



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— 82 - 

ohne das eben erwähnte Kriterium der Wichtigkeit 
derselben für qqs. 

Unmittelbar mit der Verwunderung verbunden 
ist die Achtung und Verachtung, je nachdem wir 
uns über die Grösse oder Kleinheit einer Sache 
verwundern. Hieraus kommen, wenn wir selbst 
Gegenstand der Verwunderung sind, die Leiden- 
schaften und später die Gewohnheiten der Hoch- 
herzigkeit oder des Stolzes und der Bescheidenheit 
oder Niedrigkeit der Gesinnung. 

Sind andere die Ursache der Verwunderung, so 
heissen die entsprechenden Leidenschaften Ver- 
ehrung und Abscheu. 

Tritt zu den genannten Leidenschaften die Be- 
urteilung als Gut oder Uebel für uns, so erhalten 
wir die Leidenschaften Liebe und Hass. 

Aus der gleichen Erwägung entstehen auch alle 
andern Leidenschaften, um sie aber ordnen zu können, 
wird die Zeit, auf die sie sich beziehen, berücksichtigt. 

Auf die Zukunft bezieht sich das Verlangen. 
Hierbei denkt man bloss an die Möglichkeit des 
Eintritts. 

Zieht man aber den Grad der Wahrscheinlichkeit 
mit in Rechnung, so erhalten wir Hoffnung und 
Furcht und verwandte Leidenschaften. 

Denkt man ausserdem an die Abhängigkeit des 
Eintritts von uns selbst, so entstehen Mut und 
Feigheit und ähnliche. 



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— 83 — 

Auf Gegenwart oder Vergangenheit beziehen 
sich die aus unseren Entschlüssen entspringenden 
Gewissensbisse. 

Wird ein gegenwärtiges Gut oder Uebel vor- 
gestellt als uns angehend, so entsteht Freude oder 
Trauer. Auf andere bezogen entsteht entsprechend: 
Spott, Neid, Mitleid. 

Aus dem Gedanken an die Ursache des Guts 
oder Uebels entsteht die Selbstzufriedenheit oder 
Reue mit uns und entsprechend Dankbarkeit und 
Gunstbezeigung oder Unwillen und Zorn 
gegen andre. 

Denken wir an den Eindruck, den unser Zustand 
oder unsere Vergangenheit auf die Meinung andrer 
ausübt, so entstehen die Leidenschaften der Scham 
und der Ehre. 

Die Dauer des Guts erregt unter Umständen 
Langeweile oder Ueberdruss. Der Gedanke an 
vergangenes Gut bringt Verdruss, eine Art Traurig- 
keit, entsprechend entsteht aus dem Gedanken an 
vergangenes Uebel Fröhlichkeit, eine Art der 
Freude. 

Nachdem Descartes noch darauf aufmerksam 
macht, dass diese Einteilung ganz neu sei, und 
die alte Einteilung nach den beiden Seelenvermögen 
des concupiscibleu und des irasciblen zurückgewiesen 
hat, zählt er als die sechs hauptsächlichsten 
Leiden Schäften auf: Bewunderung, Liebe, Hass, 
Verlangen, Freude, Traurigkeit. Mit der aus- 



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- 84 — 

führlichen Erklärung dieser befasst sich der zweite 
Teil, im dritten werden die andern aas diesem 
abgeleitet. 

Hierbei werden stets die körperlichen Be- 
gleiterscheinungen mit erwähnt. Einigen derselben 
sind besondere Artikel gewidmet, wie den Ausdrucks- 
bewegungen der Augen und des Gesichtes (113), dem 
Erröten durch Freude (115), Erbleichen vor Trauer 
(116), Erröten vor Trauer (117), dem Lachen (124), 
den Thränen (128), den Seufzern (134). 

Von allgemeinerem Interesse sind endlich noch 
die folgenden Artikel, auf die wir kurz eingehen. 

Im Artikel 74 wird die wichtige Frage erörtert, 
wozu dienen und inwiefern schaden die 
Leidenschaften? 

Die Antwort ist: sie befestigen und lassen in 
der Seele andauern gute oder schlechte Gedanken. 

Als Generalmittel gegen die Leidenschaften wird 
im vorletzten Artikel des Buches ausgeführt: 

Alle Leidenschaften sind von Natur aus 
gut, wir müssen nur ihre schlechte Benutzung oder 
Uebertreibung vermeiden. 

Dies kann dadurch geschehen, dass man seinen 
Körper zwingen lernt in der Weise, wie esDescartes 
bei den einzelnen Leidenschaften angiebt. 

Doch giebt es ein leichteres und allgemeineres 
Mittel. Man verschiebe die Ausführung der von 
der Leidenschaft angerateneu Entschlüsse und suche 
sich zu zerstreuen, bis sie sich besänftigt haben. 



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— 85 — 

Mass man sich aber sofort entschliessen, so handle 
man entgegen dem Rate der Leidenschaft. 

In gewisser Hinsicht könnten wir diese Ueber- 
sicht der passions de Täme nicht besser schliessen als 
mit der Ueberschrift des letzten Artikels: Von den 
Leidenschaften allein hängt alles Glück und 
£lend dieses Lebens ab. 

Für den Metaphysiker Descartes scheint 
mir aber ein anderer Aasspruch von so grosser 
Wichtigkeit, dass wir mit ihm dies Kapitel schliessen 
wollen. 

Er findet sich im Artikel 136 und lautet: 

Ich will mich begnügen, das Princip zu 
wiederholen, auf das alles, was ich über 
Leidenschaften geschrieben habe, sich stützt. 
Es besteht eine solche Verbindung zwischen 
unsrer Seele und unsrem Körper, dass, wenn 
wir einmal eine körperliche Handlang mit 
einem Gedanken verknüpft haben, der eine 
der beiden Vorgänge sich uns später nie 
zeigt, ohne dass sich der andere gleichzeitig 
zeigt, und zweitens: nicht immer werden die- 
selben Handlungen mit denselben Gedanken 
verbunden. 



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Kapitel V. 



Kritik der Lehre des DESCARTES. 



Oest des passions seules que depend 
tout le dien et le mal de cette vle. 

DESCARTES, Passions de' Päme. Art, 212, 



Eine eigentümliche Beurteilung der den Passions 
vorgedruckten Briefe findet sich in der deutschen 
Uebersetzung der „Passions" von v. Kirch mann. ^) 

Es heisst hier wörtlich: 

„Alle Ausgaben enthalten statt der Vorrede 
vier Briefe, zwei von einem Freunde des 
Descartes in Paris und zwei Antworten 
von Descartes. In jenen werden ihm über 
seine „Principien der Philosophie" harte Vor- 
würfe gemacht und er zugleich getadelt, dass 
er zur Fortsetzung der nach seiner Meinung 
nötigen Experimente sich nicht an den König 
von Frankreich oder an die französische 



Ren6 Descartes' Philosophische Werke übersetzt^ erlftutert und 
mit einer Lebensbeschreibung des Descartes versehen von J. H. 
V. Kirchmann. 4. Abtig. Über die Leidenschaften der Seele. Berlin 1870, 
Heimann. (Bd. 26 der bekannten Philosophischen Bibliothek.) pag. 7. 



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-^ 87 - 

Nation wende. Der Verfasser sucht alles 
hervor, am Descartes zur Fortsetzung dieses 
Werkes zu veranlassen, droht unter anderem 
mit der Veröffentlichung seines durchaus nicht 
artigen Briefes und verlangt überdies die 
Mitteilung der Schrift „über die Leiden- 
schaften'S von der er gehört habe. — Dieser 
Brief ist sehr lang und hat dabei zu wenig 
Wert, um eine üebersetzung zu verdienen." 

Daher giebt v. Kirch mann weder den ersten 
noch den zweiten kürzeren Brief des unartigen 
Freundes wieder. 

In Wirklichkeit ist jedoch der erste Brief nicht 
nur augenscheinlich von begeisterter Freundschaft 
für Descartes eingegeben, sondern enthält auch 
mehrere äusserst interessante Daten. 

Der Zweck des Briefes ist, den lässigen Des- 
cartes wieder zur Herausgabe eines grösseren Werkes 
zu „quälen", „de tourmenter un peu", wie der Schreiber 
selbst sagt. Nebenbei wird indirekt dazu auf- 
gefordert, Descartes bei seinen grossen für die 
ganze Menschheit wichtigen Untersuchungen zu unter- 
stützen. Wie kostspielig derartige Untersuchungen 
sind, gehe hervor aus dem Beispiel Gilberts — 
dem allein der Magnetstein mehr als 50 tausend 
Thaler kostete. Unmittelbar im Anschluss au diese 
Notiz erwähnt der Autor des Briefes die Instauratio 
magna und den Novus Atlas (Mova Atlantis) des Kanzlers 



7* 

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— 88 — 

Bacon, der ihm von allen, die vor Descartes ge- 
schrieben, die besten Gedanken über die Methode 
zur Vervollkommnung der Physik gehabt zu haben 
scheint. 

Da ist es nun interessant, dass Baco gerade in 
der Instauratio Magna (De Augmentis Scientiarum liber IV. 
Cap. III) dazu auffordert, zu untersuchen, wie die 
Seele, die man sich materiell denken müsse aber 
von ganz feiner Substanz, den groben Körper be- 
wegt, und welche Rolle bei der Bewegung des Körpers 
den Lebensgeistern zukomme. ^) 

Der Autor des Briefes erwartet von Descartes 
hauptsächlich den weiteren Ausbau seiner Philosophie. 

Drei Dinge müsse Descartes der Welt gegen- 
über betonen: 1. dass es eine Unmenge Dinge in der 
Physik zu finden giebt, die für das Leben sehr nütz- 
lich sind; 2. dass man allen Grund hat, diese Er- 
findungen von ihm zu erwarten; 3. dass er desto 
mehr finden kann, je mehr ihm Gelegenheit gegeben 
wird, zahlreiche Versuche anzustellen. 

Zu statten komme Descartes sein über alle 
Zweifel erhabener Name als Mathematiker. Habe 
er doch der Nachwelt nur die Rolle von Aehren- 
lesern übrig gelassen. 

Sollten alle diese Aufforderungen Descartes 
nicht zur Fortsetzung seiner experimentellen Arbeiten 
aufrütteln können, so möge er ihm wenigstens den 



^) Baco von Verulam Lc, vergl. auch Kap. 1 dieser Abhandlung 
pag. 29 ff. und pag. 24. 



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— 89 — 

Traktat über die Leidenschaften zur Veröffent- 
lichung schicken, von dem er bereits zn Anfang des 
Briefes schreibt, dass er van seiner Abfassung ver- 
nommen, ihn aber nicht zu Gesicht bekommen habe. 

Diese Auszüge aus dem auch sonst interessanten 
Briefe mögen genügen. 

Descartes beantwortet ihn sehr charakteristisch 
im wesentlichen mit folgenden beiden Gründen: 

Erstens wird die von dem Freund angedrohte 
Veröffentlichung des Briefes wohl nicht den Zweck 
erreichen, den ihm jener dabei im Auge zu haben 
scheint, zweitens ist er gar nicht unwillig auf das 
Publikum, sondern ihm im Gegenteil wegen der 
guten Aufnahme seiner früheren Werke zu Dank 
verpflichtet. Die Schrift über die Leidenschaften will 
Descartes ihm, sowie er sie nochmals durchgesehen, 
zur beliebigen Verwendung zuschicken. 

Der zweite Brief des unbekannten Freundes be- 
schwert sich über die Verzögerung der Zusen- 
dung des Traktats über die Leidenschaften. 
Der Grund sei wohl, dass sich Descartes vor der 
Veröffentlichung des ersten Briefes scheue, der ihn 
an die Physik triebe. 

Die Antwort Descartes' lautet: Er würde gern, 
wenn er die nötige Unterstützung hätte, seine Experi- 
mente wieder aufnehmen. Was die „Passions" anbe- 
trifft, so habe er längere Zeit gebraucht, sie durch- 
zusehen, als vorher bei der Abfassung. Trotzdem 
habe er wenig geändert. Nicht als Redner oder 



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ÖÖ 



Morälphilosoph, nur als Physiker bab« er die 
Leidenschaften behandelt. 

Zum Schlass folgt die pessimistische Bemerkung, 
dass folglich die Abhandlung wahrscheinlich kein 
besseres Schicksal, wie seine andern Schriften haben 
werde, trotzdem sie vielleicht auf den Titel hin meMr 
Leser fände. So wie sie ist, lege er sie in die Qände 
des Freundes. 

Die in den „passions de Täme** niedergelegten 
Lehren des Descartes werden wir im nächsten 
Kapitel mit den einschlägigen Lehren des Hob b es 
zu vergleichen haben. 

Die wichtigste Rolle in der Lehre des Des- 
cartes spielen, wie wir sahen, die „Lebensgeister". 
Man wird an das Wort Harveys über dieselben er- 
innert. Sie sind in der That (^eog «n6 /ii?/«i^ff cf. pag. 67 
Anm. 1. Descartes führt die wie oben erwähnt 
von Baco aufgestellte Forderung durch und zwar 
mit einer bewundernswerten Consequenz. 

Freilich ist seine Hypothese im Princip 
uralt. Es ist die Lehre vom Pneuma, die im 
Altertum begründet, im Mittelalter bis auf Descartes 
schon sehr subtil ausgearbeitet war, und der wir 
im Kapitel I bereits öfters begegneten. 

Darnach führten die Venen Blut, die Arterien, 
wie bei Descartes, Pneuma. Bei Galen durchdringt 
sogar das feinere Pneuma, welches auch die Hirn- 
Ventrikel erfüllt, die Nerven, 



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91 



Fassen wir zasammeo: Den Stoikern waren 
die Affekte durch Pneumata bedingt, Galen hatte 
den Sitz der Seele in der Zirbeldrüse angenommen, 
Baco das Programm zur genaueren Durchfährung 
der Erklärung der Bewegungserscheinungen mittelst 
der Lebensgeister aufgestellt. 

Die D esc artes' sehe Lehre ist also ihren Mitteln 
nach keineswegs neu, wie bereits Siebeck und 
V. Volkmar darlegten. ^) 

Daher ist es durchaus unhistorisch, wenn 
Plessner sagt: 

„Gerade dadurch weicht Des carte s von 
allen seinen Vorgängern erheblich ab, dass 
er in den Leidenschaften zugleich ein. soma- 
tisches und ein psychisches Moment erblickt, 
während man vor ihm geneigt war, sie fär 
rein geistige Vorgänge anzusprechen," ^) 

Ungenau ist ferner die Angabe ^) Plessners 
„von hieraus eilen die Lebensgeister durch 
die Nerven, welche a|s feine Röhren gedacht 
werden, nach den Muskeln.^ 

Nach D.escartes laufen die Lebensgeister nicht 
in dem Mark der Nerven, sondern längs der röhren- 
artigen hautigen Begrenzung. ^) 



cf. Sieb eck 1. c. I. 2. pag* 495. 
3) cf. Plessner 1. c. paur- 14 nnd 16. 
3) Ib. pag. 15. 

*) Bei Desc artes findet sich eine kurze and eine genauere Be- 
schreibung des Vorgangs. Passions de l'&me 1. Art, 7 and 12, 



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— 92 — 

Die gegen Schlnss des vorigen Kapitels an- 
gefahrte Regel Descartes', dnrch Gewöhnung den 
Geist Zur Ueberwindnng der Leidenschaften zu 
schalen, fiodet sich schon, wie wir im ersten Kapitel 
sahen, bei Aristoteles. 

Trotzdem somit die zunächst in die Augen 
springenden Lehren in Descartes' Schrift durchaus 
nicht neu sind, kann ich doch nicht dem scharfen 
Urteil V. Kirchmanns über diese Schrift bei- 
stimmen. ^) 

Viel zu wenig scheint mir bisher das psycho- 
logische Material, das Descartes in seiner Schrift 
zusammengetragen hat, gewürdigt zu sein. 

Gleichwohl ist das Urteil des Descartes über 
seine Vorgänger durchaas unhaltbar. ^ 



1) cf. ▼. Klrchmann 1. c. pa^;. 10 Aomerknng. 

2j cf. y. Kirchmann 1. c. pag. U» woselbst das Urteil Descartes 
über die Alten als za hart erkannt wird. In den Anmerkungen erkennt 
V. K. Descartes manches Verdienst zu. 



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Kapitel VI. 



HOBBES nnd DESCAßTES. 

Bei einer Vergleichung der Hobb es* sehen Schrift 
„Humane Nature" mit des Descarfces' Passions de Täme 
kommt zunächst die Zeit der Abfassung beider 
Schriften in Frage. 

Humane Nature erschien zuerst 1650 im Druck als 
ein Teil der Schrift Elements of Law, doch bemerkt 
Tönnies, dass in einem alten Exemplar in der Samm- 
lung „the Kings Pamphlets" im Britischen Museum dieses 
Jahr mit einer alten Handschrift in 1649 umgeändert 
ist unter Zufügung des Datums 2. Februar. ^) Die 
zweite (Separat-) Ausgabe von Humane Nature erschien 
unter dem in Kapitel II angegebenen Titel 1651. 

Dem gegenüber erschienen die „Passions" 1649 in 
Amsterdam, 1650 in Paris. ^ Da jedoch unter dem 



^) Cf. TOnnleS, The elemetUs of Law luUural and politic hy Thomat HOBBES 
of MtUmetbury. Edited with a prejace and critical nole» hy Ferdinand TÖNNIES, 
Ph» D. To which are subjoined selected ejtiracts from unprinted MSS. of Thomas 
HOBBES. London, Simpkin, Marshall and Co. 1889. pag. V, 

^ Ueberweg-Heinze, Grundriss der Groschichte der Philosophie 
der Kenzelt. 7. Aafl. Berlin 1888. pag. 63 hat: Lea paasiom de l'äme. Amst- 
1660, ebenso Plessner, 1. c. pag. 12. Dagegen bat y. Kirchmann 1649 
cf. Ren^ Descartes Philosophische Werke übers, von v. Kirchmann. 
I. Abtlg. Berlin 1870. pag. 9. Ebenso heisst es in der Hachette'schen 
Aasgabe Oeuvre» choisiet de DESCARTES. pag. 188. (Ce traitä i /ut imprime pour 
la premiere fois ä Amsterdam en 1649, 



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-. 94 — 

zweiten oben erwähnten Briefe des Descartes 14. Aug. 
1649 steht, so würde, wenn die oben erwähnte hand- 
schriftliche Bemerkung richtig ist, Hobbes' Werk 
früher gedruckt sein. 

Allein ganz anders wird das Verhältnis noch, 
wenn wir die Vorgeschichte der gedruckten 
Werke ins Auge fassen. 

Descartes schrieb seine Abhandlung im Jahre 
1646 fär die Prinzessin Elisabeth von der Pfal^, 
nachdem er das Thema der Leidenschaften schon in 
den meisten aus dem Jahre 1645 stammenden Briefen 
an diese Fürstin behandelt hatte. ^) 

Wie aus dem ersten der den „passions" vor- 
gedruckten Briefe Descartes' hervorgeht, war er 
durchaus nicht bereit, seine Abhandlung vor dem 
Druck vielen zu zeigen. 

Während so Descartes' Beschäftigung mit dem 
Gegenstande auf das Jahr 1645 zurückfuhrt, cursierten 
bereits seit dem Jahre 1640 in England Copien der 
Schrift Elements of Law, von der „Humane Nature" ein 
Teil ist. Dieselben sind uns in mehreren Exemplaren 
erhalten. ^ 

Auch die Dedikationsepistel an den Grafen von 
Newcastle, die den gedruckten Ausgaben voran- 
steht, ist unterzeichnet: London, May 9. 1640. 

Schon im August 163B schreibt aber Hobbes 
an Newcastle, dass ihm um die Anwendung der 



1) cf. Plessner 1. c. pag. 12. 

-') cf. Tön nies, Element» of Law. pag. VIII f. 



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— 95 — 

Piincipien der Naturwissenschaften auf die Fähigkeiten 
und Passionen der Seele nach wie vor zu thun sei. ^) 

Tön nies publiciert auch einen vielleicht 1631 
verfassten Aufsatz, der gewissermassen die Vorarbeiten 
für „Humane Nature" enthält.^ 

Soll also von einer Priorität die Eede sein, so 
muss dieselbe Hobbes vindiciert werden. 

Hobbes und De«cartes hatten auch persönliche 
Beziehungen zu einander. Im Sommer 1648 trafen 
sie sich mit Gassendi beim Marquis von Newcastle. ^ 
Femer erschienen bekanntlich unter den übrigen 
Objektionen auch die von Hobbes im Anhang zu 
den „Meditationen" des Descartes. 

Eigentümlich ist eine von Tönnies angeführte 
Stelle eines Briefes von Hobbes vom 16. Mai 1646, 
worin er befürchtet, Descartes würde die Heraus- 
gabe einer Hobbes^schen Schrift zu hintertreiben 
suchen, falls er davon erfahre.*) 

Auf pag. 98 u. f. seiner ofb angezogenen Mono- 
graphie zieht Tönnies an Stelle der alten Parallele 
Baco-Descartes, die neue Descartes-Hobbes. 

Für uns besonders von Interesse ist die folgende 
Stelle (pag. 99): 

„Beiden (Descartes und Hobbes) liegt 
hauptsächlich an der Verwertung dieser neuen 



1) cf. Tön nies, „Hobbes** 1. c. pa«. 17. 

^) cf. TOunies, Elements 0/ Law. pag. XII ond pag. 193 ff., sowie 
TOnnies, nHobbes** l. c. pag. 15. 

8) cf. Tönnies, „Hobbes" 1. c. pag. 31. 
«) ib. pag, 26, 



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— 96 — 

Physik für die Lehre vom Menschen, Des- 
cartes mehr in Absicht auf Physiologie und 
Medizin, Hobbes mehr in Absicht auf Psy- 
chologie und Ethik." 
Wie wir sahen, tritt in den betrachteten Schriften 
jedoch die Ethik mehr bei Descartes als bei Hobbes 
in den Vordergrund. 

Aeusserlich betrachtet scheinen zunächst die beiden 
Schriften „Humane Nature" und „Les passions de Päme" 
überhaupt durchaus verschieden. Hobbes Schrift in 
Form eines Essays abgefasst, ein bewundertes Meister- 
stück der Darstellung, will eine Vorbereitung sein für 
die Erklärung der Gesetze und der Politik. Hierzu 
muss zuerst die menschliche Natur erforscht werden. 
In scheinbar kunstloser Form mit Redewendungen 
des täglichen Lebens und an greifbaren Beispielen 
wird erklärt, wie die Vorstellungen und Willensakte 
des Menschen zu verstehen seien, und unter steter 
Beziehung auf den Entwicklungsgang der Menschheit 
werden die Leidenschaften desselben einer Betrachtung 
unterzogen, bei der stets das politische Endziel durch- 
schimmert. Zum Schluss klingt die Darstellung aus 
in ein farbenprächtiges Bild, das besonders den eng- 
lischen Leser packen musste: Das ganze Leben mit 
seinen Leidenschaften ist ein einzigartiges Wettrennen, 
bei dem jeder den andern mit allen Mitteln zu über- 
holen sucht. Und über der ganzen Darstellung schwebt 
das schmerzhafte Lächeln des Menschenkenners: unjust 
is the fer greater part of men. 



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— Ö7 — 

Mit bedächtiger gelehrter Ausführlichkeit geht 
dagegen Descartes vor. Das in 3 Bücher geteilte 
Werk behandelt in einer umfangreichen Einleitung 
die Beziehungen zwischen Leib und Seele des Menschen 
und stellt eine complicirte Theorie auf, nach der die 
Seele im ganzen Körper ist, aber besonders vom 
Mittelpunkt des Gehirns aus auf die körperlichen 
Lebensgeister wirkt, während sie selbst als unkörperlicher 
Natur beim Tode entweicht. Dann werden die Leiden- 
schaften aus dieser Theorie der Wechselwirkung 
zwischen Körper und Seele abgeleitet und aus 6 Haupt- 
leidenschaften, die ausführlichst behandelt werden, 
der Eeihe nach alle andern mit peinlicher Sorgfalt 
deduciert und nach ihrem Entstehen, ihren körper- 
lichen Begleiterscheinungen, ihrem ethischen Charakter 
entwickelt. 

Der Schluss des Werkes lehrt, dass von den Leiden- 
schaften alles Glück und Elend dieser Welt abhänge. 

Bei einer genaueren Durchsicht der beiden 
Schriften zeigen sich jedoch eine grosse Reihe 
von nicht unerheblichen principiellen Ueber- 
ein Stimmungen. 

Zunächst behandeln beide Werke die Leiden- 
schaften in engem Zusammenhang mit den Fragen: 
Wie kommen Vorstellungen und Willensakte 
zustande, welches ist das Verhältnis zwischen 
Seele und Leib? 

Während Hobbes der Seele zwei Kräfte zuer- 
teilt, die Kraft des Erkennens (power cognitive} und die 



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^ 08 -^ 

bewegende Kraft (power motivc) und der ersten von 
beiden das Erkennen und Verarbeiten der Vorstel- 
lungen zuschreibt, unterscheidet D es cart es ganz analog 
leidende und thätige Gedanken und rechnet zu den 
ersten die Vorstellungen und Kenntnisse, die Hobbes 
von der power cognitive abhängig sein lässt. 

Ebenso wie fernet die power motive des Hobbes 
auf den Willen hinausläuft, ist dies bei den thätigen 
Gedanken des Descartids der Fall. 

Was zweitens die Frage nach dem Verhältnis 
von Körper und Seele anlangt, so ist weder die Dar- 
stellung des Hobbes noch die des Descartes völlig 
abgeklärt. 

Beide gravitieren aber nach der Auffassang eines 
psycho-physischen Parallelismus hin. Ich ver- 
stehe darunter die Constatiening eines steten Zusammen* 
Seins des Geistigen und Leiblichen, während über das 
„wie^ desselben nichts feststeht. Bei Descartes 
ist dieser Standpunkt in der oben erwähnten Stelle 
(Kap. IV Schluss) schon nahe erreicht. Der Vor- 
läufer des Occasionalismus und der prästabilierten 
Harmonie*) wird sogar von Euler der Begründer des 
„Systeme des causes occasionelles" genannt. ^) 

Für Hobbes ist ein Geist ohne Körper ein 
Unding. *) Bezüglich des Parallelgehens der geistigen 



1) cf. Plessner 1. c. p»f. 38. 

^) cf. Ealer, Lettre» « une Princaue d*AUemagne sur äivert mjet» de 
Phpsique et de PkUowphie, I, //. Beme 1778. pag. 11. 

3) cf. Hobbes, Humane JfiUmre Ckmp, XI, 4. SpiriU supernaturai com- 
mnnly nguiße »ome »ubUanee without dimeasiom ; wkieh tivo words do flaUy contradiet 
one another. cf, auch Chap. XI, S. 



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- 99 - 

und körperlichen Vorgänge bei ihm vgl. unsere obige 
Darstellung. 

Die Meinung, Hobbes sei Materialist, der seelische 
Vorgänge überhaupt nicht kenne, ist meines Erachtens 
durch eine zu äusserliche Auffassung seiner diesbezüg- 
lichen Lehren hervorgerufen. Im übrigen bietet 
auch sie eine weitere Parallele zu Descartes, von 
dem Lange gleichfalls behauptet, er sei im Grunde 
Materialist. ^) 

Eine Bestätigung für die letzten Behauptungen 
finde ich bei Tönnies. ^ 

Die Benutzung der Lebensgeister bei Descartes, 
deren Hobbes sich anderweitig auch bedient, ist 
mehr durch die Ausdrucks weise, als durch den 
Thatbestand von der Erklärungsweise des Hobbes 
verschieden. 

Was bei Descartes Bewegung der Lebensgeister 
ist, ist bei Hobbes Bewegung des Gehirns oder einer 
inneren Substanz im Kopf, ja er nennt sogar als 
dritte Möglichkeit die „spirits", die ihm so körperlich 
sind, wie Descartes. 

Die specielle Ausgestaltung der Bewegung dieser 
spirits nach den Ideen Galens und Bacos bilden 
allerdings einen charakteristischen Bestandteil der 
Lehre des Descartes, der bei Hobbes fehlt. 

Eine weitere Aehnlichkeit bei beiden For- 
schern ist, wie erwähnt, das entschiedene Hinneigen 



1) Lange, Gesch. d. Mater., I. 3. Aail. pag. 203, 221. 

2) Tönnies, ,,Hobbes% pag. 124. 



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— 100 - 

zu physikalischer Erklärungsweise, wie sie 
auch im Programm beider Philosophen deutlich aus- 
gesprochen wird. 

Dass Hobbes hierin einer der Vorläufer des 
Descartes ist, wird in einer auch sonst recht in- 
teressanten anonymen Schrift: „Voyage du monde de 
Descartes. Paris 1694." bei Gelegenheit bemerkt.^) 

Kommen wir nun zur Theorie der Leiden- 
schaften selbst, so erscheint allerdings ein tief- 
greifender Unterschied vorhanden. 

Bei Hobbes veranlasst der Geist (mind) animal 
motion, die Wirkungen dieser sind die Leidenschaften, 
bei Descartes sind umgekehrt die Leidenschaften 
veritable passions, Leiden, welche durch Körperthätig- 
keit verursacht werden. 

Stehen wir hier nicht vor einem schroffen 
Gegensatz? 



^) Votage du monde de DESCARTES. Suioant la Copie. ' A Paris, Chez' a 
Veutfe de Simon Benard. 1694. pag. 63 . . Et ainsi le grand principe de Monnieur 
DESCARTES est etabli: Qu'un corps de lui-meme demeure dans l'ätat oü on Va 
remis . . . Mais au reste ce principe n*est pas particulier ä Monsieur DESCARTES, 
GALILEE avant lui, GASSEN DI^ HOBBES, MAIGNAN etc. le supposent verUable. 

Diese Worte werden dem Pater Mersenne in den Mond gelegt. 

Ich kann mir nicht versagen» auf diese witzige und viele interessante 
Bemerkungen übep Descartes und seine Zeitgenossen enthaltende Schrift 
besonders aufmerksam zu maehen. Ich fand die Schrift, soweit meine durch 
die Zeit allerdings sehr beschränkten Nachforschungen gestatteten, nirgends 
erwähnt. Auch nicht in Lehmann 's vorzüglichem Werke „Aberglaube 
und Zauberei'*. Der Grund, warum ich hier nachsah, ist folgender: 

Die poetische Einkleidung der Schrift, in der in sarkastischer Weise 
gezeigt wird, wie Descartes Imstande ist, in einem verzückten Zustand 
seine Seele von der körperlichen Maschine zu trennen, mit ihr unsichtbar 
durch die Luft zu fliegen etc., erinnert Iftcherlich an die Märchen der 
heutigen Spiritisten. — Ich fand die Schrift zufftllig in der Orossherzoglichen 
BibUothek asu Oldenburg. 



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— lÖl — 

Sehen wir genauer zu! Was geht bei Hobbes 
dem Augenblick voraus, in dem der Geist im Körper 
animal motion erregt? 

Wir sahen, dass dieser Erregung eine Willens- 
handlung vorausgeht, die ihrerseits das Ergebnis 
wechselnder Leidenschaften ist, welche wieder im 
letzten Grunde auf Vorstellungen zurückzuführen sind. 
Ist nun hier kein Zirkel vorhanden? Nur in der 
Ausdrucksweise. Die oben hingestellte Definition, die 
sich, wie wir sahen, bei Hobbes selbst findet, müsste 
richtig und ausführlich heissen: Dadurch, dass der 
Geist animal motion erregt, empfinden wir die bereits 
bestehende Leidenschaft. 

Im übrigen verstärkt bei Hobbes die so ent- 
standene Empfindung die ursprüngliche Leidenschaft. 
Wir haben hier und in ähnlicher Weise bei 
Descartes eine Art von Dynamoprinzip, wie 
etwa bei der Wirkungsweise einer Dynamomaschine. 
Der Geist ist der Elektromagnet, der 
Körper der Drahtring und die Leidenschaft 
der Strom. 

Eine weitere Uebereinstimmung zeigt sich 
auch in der Einteilung der Leidenschaften. 

Descartes führt fünf seiner Grundleidenschaften, 
die nebenbei bemerkt manche Aehnlichkeit mit den 
von Thomas von Aquino zu Grunde gelegten haben, 
zunächst zurück auf Liebe und Hass, die selbst wieder 
aus der sechsten Grundleidenschaft der Verwunderung 
hervorgehen. 



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— 102 — 

Hierbei bedeuten Liebe und Hass Vorstellung 
ded Gegenstandes als nützlich oder schädlich. 

Insofern ist bereits eine, wenn auch geringe 
Uebereinstimmung mit Hobbes vorhanden^ der schliess- 
lich alles auf Lust oder Unlust zurückflihrt, Begriffe 
die ihm gleichfalls das Moment des nützlich oder 
schädlich Gedachten enthalten. 

Im übrigen besteht aber gerade in der durchaus 
verschiedenen weiteren Einteilungsweise der Leiden- 
schaften ein Hauptunterschied der beiden Lehren. 

Nur das eine sei noch hervorgehoben, dass beide 
die Leidenschaf ben im letzten Grunde auf Vorstellungen, 
die von aussen veranlasst werden, zurückfähren. 

Eine ganz besonders bemerkenswerte Ueberein- 
stimmung zeigen femer Hobbes und Descartes in 
der Rolle, die sie der Verwunderung resp. Be- 
wunderung als Leidenschaft zuweisen. 

Beide führen alle Künste und Wissenschaften 
auf die Verwunderung zurück. 

Bei Descartes spielt sie ausserdem, wie wir 
sahen, noch eine besondere Rolle, insofern die übrigen 
Leidenschafken auf sie zurückgeführt werden. 

Da ist es nun interessant, dass Baco von Ver ulam 
die Verwunderung ebenfalls als Affekt hat, *) des- 
gleichen in der Instauratio (de augmentis scientiarum Lib. I) 
die admiratio semen scientiae nennt, wie denn auch 



^) Baco von Verulam, Hittoria vilae et mortis, Hb, IV, 



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— 103 — 

Aristoteles seine Metaphysik mit dem Wisse^strieb 
als der Mutter aller Philosophie beginnt. 

Noch sei erwähnt, dass Hobbes und Descartes 
beide in den in Frage stehenden Schriften eine Theorie 
des Gedächtnisses geben. 

Im übrigen mögen diese Ausführungen genügen. 

Schliessen wir unsern Vergleich mit der 
Bemerkung, dass sowohl für Hobbes wie für 
Descartes die Gemütserregungen seelische 
wie körperliche Momente enthalten und, dass im 
Grunde beiden Forschern die Leidenschaften 
kein Uebel sondern ein köstliches Gut sind. 



:S^ 



8» 



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Rückblick und Ausblick. 

Est deuB in nobis, agitante calescimus iilo. 

Hat uns das erste Kapitel in das Altertum 
und Mittelalter geführt, um den Vorgängern der 
beiden berühmten Philosophen des siebzehnten Jahr- 
hunderts, deren Theorien über die Leidenschaften 
den Gegenstand unserer Abhandlung bilden, einen 
kurzen Besuch abzustatten, so will dieses Schluss- 
kapitel ein Band zwischen den Lehren des Hob b es 
und Descartes mit den einschlägigen Theorien 
der Gegenwart herstellen. 

Auf irgend welche Vollständigkeit in der Auf- 
zählung dieser Leliren ist liier nocli weniger Gewicht 
gelegt wie im ersten Kapitel. 

Das naturgemässeste Band wäre die Fortent- 
wickhmg jener Leliren seit dem siebenzehnten Jahr- 
hundert bis auf die Gegenwart. Ein solches würde 
jedoch uns viel zu weit führen, daher sei dies- 



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— 105 — 

bezüglich nur auf die interessante Gesclüchte der 
Psycliologie von Dessoir^) verwiesen. 

Auf die üebereinstimmung einiger Sätze in 
Baumanns Willenstheorie mit diesbezüglichen 
Lehren von Hobbes wurde bereits zu Eingang des 
zweiten Kapitels hingewiesen. 

Femer erschienen im Jahre 1900 zwei wichtige 
Werke: „Die Völkerpsychologie" von Wundt*) 
und J. M. Baldwin „Das soziale und sittliche 
Leben erklärt durch seelische Entwicklung."^) 

Beide legen ein grosses Gewicht auf die Affekte. 

Wundt lässt wie Hobbes die Sprache, ja 
alle Willensäusserungen aus Affekten entstehen 
und entwickelt eine Theorie, nach der er Lehmann's 
Versuche über die Aenderungen des Pulsschlages*) 
aufgezeichnet mit Sphygmograph und Plethysmo- 
graph zu Grunde legt, sie aber anders als dieser 
interpretiert. 



^) Dessoir, Geschiebte der neueren deutschen Psychologie, l Bd. 
Von Leibniz bis Kant. Berlin NW. 6. Duncker 1894. 

2) Wu n d t , Völkerpsychologie. Eine Untersuchung der Entwicklungs- 
gesetze von Sprache, Kultur und 8itte. 1. Bd. Die Sprache 1. Leipzig. 
Engelmann 1900. 

3) Baldwin, Das soziale und sittliche Leben erklärt durch seelische 
Entwicklung von der Dänischen Gesellschaft der Wissenschaften mit der 
goldenen Medaille gekrönt. Nach der 2. engl. Auflage übersetzt von 
Dr. Ruedemann. Durchgesehen und mit Vorwort eingeleitet von 
Dr. P. Barth. Leipzig. Job. Ambr. Barth. 1900. 

«) L e h m anu, Die Hauptgeaetze des menschlichen Gefühlslebens, 1892. 



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— 106 — 

Prinzipiell stimmen diese Versuche mit dem 
Gedankengang Galens überein, der den Liebes- 
kummer einer Dame aus dem Pulsschlag erfährt, 
indem er von einem Boten den Namen des Geliebten 
und gleichgiltiger Personen nennen lässt und gleich- 
zeitig den Puls der Leidenden beobachtet.^) 

Wundt fuhrt alle Affekte auf drei Componenten 
zurück: sie heissen: 

Lust — Unlust, 
Erregung — Hemmung, 
Spannung — Lösung. 

Die Abhängigkeit der Affekte von diesen drei 
Componenten und von der Zeit stellt Wundt in 
drei Curven dar. 

Das oben genannte Werk von Baldwin fuhrt 
die Affekte zum Teil auf die primitiven Zu- 
stände der Menschheit zurück. Besonders ein- 
gehend behandelt Baldwin die Sympathie. Auch 
ihm sind die Affekte im eigentlichen Sinne „gut", 
sie treiben den Menschen zum Fortschritt, zu den 
Erfindungen an. 

Der Entwicklungsstandpunkt Baldwin's weist 
uns auf Darwin 's klassisches Werk hin: „Der 



^) Galen, üb. de praeeognitione ad Posthumum, cap. 6 cit. von Clara- 
montius 1. e. pag. 373 f. 



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— 107 — 

Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen 
und den Tieren."') 

Die Ausdrucksbewegungen, überhaupt die 
körperlichen Begleiterscheinungen der 
Affekte sind es nun auch, welche James ^) und 
Lange*) zu ihren Theorien fahrten, dass die Affekte 
überhaupt in diesen körperlichen Begleiterscheinungen 
beständen. Die Untersuchungen von James, sowie 
die klassische Studie Lange's über Gemütsbewe- 
gungen enthalten gewiss viel Schätzenswertes. Allein 
es sei mir gestattet auf die Schrift Lehmann 's*) 
und Stumpfs**) Aufsatz: „über den Begriff der 

>) Charles Darwin, Der Ausdruck der Gematsbewegrangen (the 
fxpression of emoHong bei dem Menschen und den Tieren. Ans dem Engl, 
übers, von V. Carus. 4. Auflage. Stuttgart. Schweizerbach 1899. 

«) James, Principle* nf Pgychologp II. pag. 442 f. (1890). 
James, What U an emotion f Mind. 1884. 

James, The phyncal beutin of emotion^ Ptyohological Review /. (1894.) 
pag. 616 f. 

') G. L a n g e , Über Gemfitsbewegungen. Eine psy cho-physiologische 
Studie. Aut. Übers, von Dr. Kurella. Leipzig. Thomas 1887. 

*) Lehmann, Die Hauptgesetze des menschlichen Gefühlslebens, 1892. 

B) ef. S t u m p f , „Über den Begriff der Gemütsbewegrang*'. Zeitschrift 
für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane von Ebbinghaus. Bd. 21. 
H. 1 und 2. 

Es sei mir gestattet, auf einen kleinen 'lapsus aufmerksam zu machen, 
der sich in dieser sonst so verdienstvollen Schrift findet. Stumpf sagt nftmlich : 
„Unsere Betrachtungen erstrecken sieh . . . auf . . . Freude und Leid, Jubel 
und Ärger, Hoffhung und Furcht, Verwunderung und Verachtung und der- 
gleichen Gefühle, über deren Zugehörigkeit zum Begriff des Affekts kein 
Streit sein kann." Stumpf, 1. c. pag. 50. In der im gleichen Aufsatz 
besprochenen Studie Lange's heisst es aber pag. 5: „Kummer, Freude, 
Furcht, Zorn und dergleichen auf der einen Seite und Liebe, Hass, Ver- 
achtong, Bewunderung etc. auf der andern [Seite] sind offenbar zwei Gruppen 
von Phänomenen, die in psychologischer Beziehang auseinandergehalten 
werden müssen. Nur für die erste Grappe will ich hier die Bezeichnung 
.(Gemütsbewegungen" beibehalten, während die anderen Leidenschaften 
Qef^hle, oder wie mi^n sie son^t nennen will, bleiben." 



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— 108 — 

Gemütsbewegung" zu verweisen, worin auf die Ein- 
seitigkeit der Lehren von James und des „Vaso- 
motorikers*^ Lange hingewiesen wird. 

Reich an neuen physiologischen Beobachtungen 
ist Oppenheimer's „Physiologie des Gefühls",^) 
die wieder eine neue Affektentheorie giebt 
und aufweiche hier wenigstens hingewiesen werden soll. 

So sehen wir denn einen Hauptpunkt der Lehren 
des Hobbes und Descartes auch jetzt noch im 
Vordergrunde des Interesses: 

„Die Abhängigkeit der Affekte von 
seelischen und körperlichen Erscheinungen", 
während die Lebensgeister des Descartes heute 
nur noch ein spiritistisches Dasein führen. 



:3^ 



Oppenheimer, Physiologie des GefQhls. Heidelberg, Winter 1899. 
0. geht aus von seiner Entdeckung gewisser Schmerzneryen, 



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Namen- und Sachregister. 



A. 

Abneigung bei Hobbes 
Abscheu bei Th. v. Aquino 

— bei Obummontius 

— „ Deecartes 
Achtung bei Descartes 
Adelard v. Bath . 
Aerger bei Homer 

— „ Stumpf . 
Affekte p. VII u. passim 

(cf . Gemütsbewegung 
und Leidenschaft). 
Albert d. Grosse . 19 f. 21 

Alcuin 16 

Algazel 62 

Ambrosius .... 13 

Angst bei Homer ... 2 

— „ Christus . . 11 
Anselm v. Canterbury 17 
Apathie bei den Stoikern 8 
Aquino, Th. v. 

20 f., 24, 25, 26, 101 

Aristipp 3 

Aristoteles 4 f., 9, 10, 14, 

29, 30, 31, 64, 92, 103 

Arnobius . . , Anm. 27 





Augustinus . 13 f., 24, 62 




Ausdruck der Gemüts- 


. 47 
20 
. 33 
. 82 


bewegungen 

bei Augustin ... 14 
_ „ Campanella . 28 
— „ Descartes . . 84 


. 82 


— „ bei Darwin 106 f. 


. 17 


— „ James ... 107 


2 
. 107 


— „ Lange ... 107 
Avicenna .... 17 



B. 

Baco V. Verulam 24, 29, 30, 
31, 88, 95, 99, 102 

Barmherzigkeit 

bei Hobbes . . 54, 59 

Baldwin .... 105, 106 

Baumann XI, 2, 8, 34, 35, 
36, 105 

Begehrungsvermögen (siehe 
auch Concupiscibilität) 
bei Plato .... 9 

— „ Philoponus . 15 

— „ Alcuin ... 16 

— „ Avicenna . . 17 

— „ Hugo V. St. Victor 18 



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— 110 ^ 



Begehrungsvermögen 

bei Albert d. Grossen 19 

— „ Th. V. Aquino . 20 

— „ Dans Scotus . 21 

— „ Gerson ... 22 

— „ Melanchthon . 25 
Begierde bei Homer . . 1 

— bei Plato .... 3 

— „ Aristoteles . . 4 

— „ Theophrast . . 7 

— „ den Stoikern . 8 

— „ Simplicius . . 15 

— „ Philoponus . . 16 
~ „ Scotus Erigena 16 

— „ Adelard V. Bath 18 

— „ Casalpinus . . 24 

— „ Montaigne . . 27 

— „ Claramontius . 33 

— „ Hobbes . . 53, 58 
Bekümmernis 

bei den Stoikern . 8 

Berkeley 35 

Bernhard v. Clairvaux . 18 
Bescheidenheit 

bei Descartes . . 82 

Besorgnis bei Descartes . 76 
Bewegende Kraft 

bei Avicenna . . 17 

— „ Hobbes ... 43 
Bewunderung bei Homer 2 

— bei Hobbes ... 51 

— „ Descartes . , 83 

— „ Baco .... 102 

Bibel 11, 12, 57 

Blutumlauf nach Harvey 

bei Descartes . . 67 
Boethius .... 14,15 

Bonaventura ... 22 

Bonnet .... Anm, 27 

Bowman . . , Anm, 38 



Bruno, G. . 
Bruyfere, La 
Buffon . . 
Buridanus 
Byron . . 



24, 62 

6 

27 

. 21 

. 34 



Cabbalah 19 

Casalpinus .... 24 
Cameracensis Anm, 13 
Carus, F. A. . . Anm, 2 
Casaubonus . . Anm, 6 

Causalität bei Hobbes . 44 

— nach Homer . . 44 

Charron 28 

Christentum ... 11 

Christus 11 

Clairvaux, B. v. . . 18 
Claramontius . . . 32 f. 
Cogito ergo sum 

bei Augustin . . 62 

— „ Descartes . . 62 

Comte 35 

Condillac 27 

Conring, H 32 

Concupisdbilität (s. auch 

Begehrungsvermögen) 

bei J. V. Stella . 18 

— „ Albert d. Grossen 19 

— „ Th. V. Aquino . 20 

— Urteil Descartes' . 83 
Cnmberland .... 36 

Cusa 23 

Cyrenaiker 3 

D. 

Dankbarkeit 

bei Aristoteles . . 4 

— „ Descartes . , 83 



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111 



Darwin . . . . ; 106 f. 
Degerjindo ... 2, 14 

Demokrit 7 

Demut bei Hobbes . . 51 

Descartes IX, X, 1, 7,8, 9, 

10. 21, 23, 24, 29, 31, 39, 

62-92. 92-103, 104, 108. 

Dessoir 105 

35, 57 
21 
71 
48 



Diderot , . . . 

Dung Scotus . . 

Durst bei Descartee 

— „ Hobbes 

E. 



Egoismus 56 

Ehre bei Hobbes . . 50, 58 

— „ Descartes . . 83 
Eifer bei Aristoteles . . 5 

— „ Hobbes ... 54 
Eifersucht bei Plato . . 3 
Eisler . . 2, 3, 13, 23, 24 
Eitelkeit bei Montaigne . 27 

— bei Hobbes ... 54 
Elend bei Hobbes . . 54 
Elisabeth v. d. Pfalz . 63 
Entrüstung bei Christus 11 

— bei Hobbes ... 54 
Entwicklungsstandpunkt 

in der Lehre v. d. 

Leidenschaften 

bei Hobbes ... 96 

— „ Baldwin . 105, 106 

— „ Darwin . 106, 107 
Entzücken bei Homer . 2 

— bei Christus . . 11 

Epikur 7 

Erasistratus .... 10 
Erbleichen v. Trauer 

bei Descartes . . 84 



Erhabenheit bei Hobbes 54 
Erigena, Scotus . 16 
Ennnerung (s. auch Ge- 
dächtnis) b. Hobbes 

— bei Descartes . . 
Erken n tnis vermögen 

— bei Gerson . . . 
Erregung bei Hobbes 

— bei Wundt . . . 
Erröten vor Freude 

oder Trauer nach 
Descartes .... 
Erstaunen bei Homer 

Eucken 11, 35 

Euler 98 



44 

78 

22 

39 

106 



84 
2 



Fabricius 62 

Feigheit bei Montaigne . 27 

— bei Descartes . . 82 
Feindschaft bei Homer . 1 
Fischer, Kuno . 29, 30, 31 
Freude bei Homer . . 2 

— bei Christus . . 11 

— „ Plotin ... 13 

— „ Boethius 15 

— „ E. V. St. Victor 18 

— nach Hobbes . 47, 48 

— „ Lange . Anm. 107 

— bei Stumpf . „ 107 
Freundschaft bei Homer 1 
Frohschammer ... 21 
Frohsinn bei Homer . 2 
Furcht ♦, » . 2 

— bei Plato .... 3 

— „ Aristoteles . . 4 

— „ den Stoikern . 8 

— „ Boethius . . 15 

— „ R. V. St. Victor 18 



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~ 112 — 



Furcht bei J. v. Stella . 19 

— „ Th. V. Aquino . 20 

— ,, Montaigne , . 26 

— „ Charron ... 28 

— „ Baco V. Verulam 29 

— „ Claramontius . 33 

— „ Hobbes ... 47 

— „ Descartes . . 82 

— „ Lange . Anm, 107 

— „ Stumpf . „ 107 



G, 

Galen 9, 10, 14, 24, 62, 106 
Galilei .... 38, 39, 49 
Gassendi ... 31, 32, 95 
Gedächtnis bei Alcuin . 16 

— bei Avicenna . . 17 

— „ Anselm v. Canter- 
bury 17 

— bei Th. v. Aquino 26 

— „ Melanchthon . 26 
-- „ Hobbes . . 40, 44 

Geister losgelöst v. Körper 

kennt Hobbes nicht 42 

Gemütsbewegungen p. VII 
und passim 

bei Augustin . . 13 

— „ Descartes . . 73 

Gerson 22 

Gewinnsucht bei Plato . 3 

Gilbert 87 

Giordano Bruno . r 24 

Glück bei Hobbes . 51, 54 

— bei Descartes . . 85 
Grausamkeit b. Montaigne 25 
Gregor v. Nyssa . . 14 
Grimm bei Homer . . 2 
Groll bei Homer ... 2 



Gundling 35 

Gut, absolutes, existiert 

nach Hobbes nicht 47 



H. 



. 67 
67, 90 

1 



Haeser .... 
Harvey . . . 
Hass bei Homer . 

— „ Aristoteles 

— „ R. V. St. Victor 

— „ Th. V. Aquino . 

— „ Claramontius 

— „ Hobbes . . 

— „ Descaites . 

— „ Lange . . 
Hauschild . . . 
Heinze .... 
Heiterkeit bei Plotin 
Helmont .... 
Helvetius .... 
Herbart .... 
Herophilus . . . 
Herrschsucht bei Plato , 
Herz, Sitz d. Affekte bei 

Galen 10 

bewirkt nach Hobbes, 
wenn erregt, sinnliche 
Lust und Unlust . 42 
Herzbewegung, wichtig f. 

die Affekte 

bei Hobbes ... 48 

Herzog 11, 12 

Hiob 57 

Hippokrates . . . 2, 9 
Hitze bei Descartes . . 71 
Hobbes IX, X, 1, 4, 9, 22, 

23, 24, 25, 26, 29, 31, 

34—62, 76, 93 bis Schluss 

passim . 



5 

18 
20 
33 
54 
82 
107 
12 

8, 9 
13 
31 
56 

VIII 

10 

3 



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-^ 113 — 



Hochherzigkeit 




„Komisch« bei Hobbes . 52 


bei Descartes . . 


82 


Krankheiten der Seele 


Hoffnung bei Homer 


2 


bei den Stoikern . 8 


— bei ßoethius . . 


15 


— „ Gassendi . . 31 


— „ J. V. Stella . 


19 


— „ Kant .... 8 


— „ Th. V. Aquino 


20 


Kritik: der historischen 


— „ Montaigne . 


26 


Bemerkungen Bacos 


— „ Baco V. Verulan 


1 30 


und Kuno Fischer's 


— „ Hobbes . . 


. 54 


29, 30, 31 


— „ Descartes . 


82 


d. Lehrend. Hobbes 55-61 


— „ Stumpf . . 


. 107 


„ „ „ Descartes 

86-92 


Homer ... 
Horaz 


. 12 


„ Darstellung Plessners 


1 


63, 64, 91 


Hugo V. St. Victor 


. 18 


„ „ Tönnies 57 ff. 


Hume 


35, 44 


„ „ Kirchmann's 


Hunger bei Descartes 


71 


86 ff. u. 92 


— bei Hobbes . . 


. 48 


„ Physiognomik . . 32 
„ Lehre v.d. Tempera- 


I. 




menten . . . Anm, 2 
„ Lehre v. James und 


Irascibilität (siehe auch 


i 


Lange 107 


Zorn) bei Alcuin 


. 16 


Kühnheit bei Homer . 2 


— bei J. V. Stella . 


19 


— bei Aristoteles . . 4 


— „ Albert d. G. 


19 


— „ Descartes . . 82 


— „ Th. V. Aquino 


. 20 


Künstlerischer Genuss 


Urteil Descartes' . . 


. 83 


nach Hobbes ... 50 


j. 




Kummer nach Hobbes . 48 




— bei Lange . Anm, 107 


James 


. 107 




Jammer bei Plato 


3 


L. 


— bei Johannes 


12 


Jubel bei Stumpf An 


w. 107 


La Bruy^re .... 6 


Justus Lipsius 


25 


T machen bei Hobbes . . 51 f. 


Kant 


8, 55 


— bei Descartes . . 84 


V. Kirchmann 4, Am 


n. 86, 


Lamettrie . . . . Anm. 21 


87, 


92, 93 


Landois .... „67 


Kleinmut bei Hobbes 


54 


Lange, C. . . . Vm, 107 


Körper und Seele bei Des- 




Lange, F. . 7, 27, ^«w. 99 


cartes . 66 ff. U.I 


)assim 


Langeweile 83 


Körper eine Maschine 




Laster bei J. v. Stella . 19 


bei Descartes . 


69 


— „ Maimonides . 19 



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— 114 — 



Leben, ein Wettrennen 

bei Hobbes . 53 f., 56 

— ein Kampf bei Hiob 57 
Lebensgeister : 

Harveys Urteil über 

si .... Anm, 67 

— bei den Stoikern 24, 91 

— „ Galen . 10,24,91 

— „ Nemesius . . 24 

— „ Augustinus . 24 

— „ Th. V. Aquino . 24 

— „ Cusa .... 23 

— „ Cäsalpinus . . 24 

— „ Telesius ... 24 

— „ Paracelsus . . 25 

— ,, Melanchthon . 24 

— „ Baco . . . 24. 91 

— „ Claramontius . 32 

— ., Hobbes . . 24, 99 

— „ De8cart^67ff.,90,99 
Lehmann ... 100, 107 

Leibniz 35 

Leid bei Homer 2 

Leidenschaft 

im Altertum . 1—14 

— im Mittelalter . 14—24 

— im 16. und Anfang 

d. 17. Jahrhund. 24—33 

— bei Hobbes . . 33-61 

— „ Descartes 62—103 

— Ende d. 19. Jahr- 
hunderts . . 104-108 

— mit dem Strom einer 
Dynamomaschine 
verglichen . . . 101 

Liebe bei Homer ... 1 

— „ Plato ... 3 

— „ Aristoteles . 5 

— „ Christus . . 11 

— im Christentum . 11 



Liebe bei R. v. St. Victor 18 

— „ Th. V. Aquino 20 

— „ G. Bruno . , 24 

— „ Charron . . 28 

— . „ van Hebuont 31 

— „ Claramontius . 32 
-~ „ Hobbes . 54, 58 

— „ Descartes . . 82 

— „ L&Bge . .4»»«. 107 
Liebeskummer bei Galen 106 

Lipsius 25 

Locke ....... 34 



Lösung bei Wundt 
Lust bei Aristipp 
— „ Plato . 



106 
3 
3 
7 
8 
33 



— „ Theophrast 

— „ den Stoikern 

— „ Claramontius 

— „ Hobbes (ders. 
unterscheidet körper- 
liche und sinnliche 
Lust) 40, 42,47,58 ff.. 102 

— bei Wundt ... 106 

— „ Stumpf . -4»^. 107 

M. 

Macht bei Hobbes 

40, 43 ff., 56, 58. 60, 61 
Maignan .... 100 
Maimonides .... 19 
Mathematische Gewissheit 

hochgeschätzt 

von Nie. V. Cusa . 23 

— „ Hobbes ... 38 
Melanchthon . . . 25 
Mensch, Werkstättc aller 

Creaturen 

bei Scotus Erigena 16 

— Welt im Kleinen 

bei Cusa .... 23 



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115 — 



Mensch, animal rationale 

bei Hobbes ... 42 

— die meisten sind un- 
gerecht n. Hobbes 55,96 

Merkzeichen bei Hobbes 44, 45 
Mersenne . . . Anm,lOO 
La Mettrie . . »27 
Missgunst (s. auch Neid) 

bei Plato .... 3 
Mitleid bei Homer . . 2 

— bei Aristoteles . . 5 

— », den Stoikern . 26 
yj Christus 11 

— ,, Montaigne . . 26 

— „ Charron . . 28 

— „ Hobbes ... 54 

— „ Descartes . . 83 
Montaigne .... 26if. 
Müller, Hieron. . Anm, 3 
Musik, Wirkung derselb. 

nach Hobbes . . 49 
Muskelbewegung 

nach Descartes . . 67 f . 
Mut bei Homer ... 2 

— „ Plato ... 12 

— „ Th. V. Aquino . 20 

— „ Descartes . . 82 

— „ Hobbes ... 54 
Mystisches 22 



N. 



Neid bei Aristoteles . . 


4 


— „ Hobbes . . . 


54 


— „ Descartes . . 


83 


Neigungen bei Aristoteles 


4 


Nemesius 


14 


Nerven, zuerst beschrieben 




von Herophilus und 




Erasistratus . . . 


10 



Nerven, bei Galen . . 10 
— bei Descartes 71, 75 ff. 

Newton 40 

Niedergeschlagenheit 

bei Homer ... 2 

Niedrigkeit bei Descartes 82 

Nominalismus . . . . 21 

o. 



Occasionalismus 
Okkam . . . 
Oppenheimer 

P. 



21 
108 



25 



Paracelsus . . . 
Passiones und passions 

passim z. B. 13 
Passivität des Gemüts . 19 

Patristik 11 

Paulus 12 

Peripatetiker .... 9 

Petrarka 22 f. 

Philoponus .... 15 

Physiognomik .... 32 

bei Montaigne . . 27 

— „ Claramontius . 32 

— „ Piderit . Anm. 32 

Plato 3 f. 

Platner . . . Anm, 35, 56 
Plessner 8, 63 f., ^«»i. 67, 91, 

Anm. 93, 94, 98 
Plethysmograph . . . 105 

Plotin 12 f. 

Pneuma (s. Lebensgeister) 

Pope 55 

Posidonius .... 9 
Prästabilierte Harmonie 98 
Psycho-physischer 

Parallelismus . . 98 



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- 116 - 



R. 

Retzlaff 2 

Eeue bei Hobbes . . 54 

— „ Descartes . . 83 

Richard v. St. Victor 18 

Rückert ..... 62 

Ruhe der Seele bei Epikur 7 

Ruhin bei Montaigne . 27 

s. 



Salisbury, Joh. V. ^«»».11 


Scaliger 


24 


Schadenfreude 




bei Hobbes . 51, 53 


Schani bei Homer . . 


2 


— bei Plotin . • . 


12 


— „ R. V. St. Victor 


18 


— „ Hobbeß . . . 


54 


— „ Descartes . . 


83 


Schauder nach Hobbes 


49 


Scheu bei Homer . . 


2 


Schmelzende Affekte 


12 


Schmerz bei Plato . 


3 


— bei Theophrast 


7 


- „ BoethiuB . 


15 


— „ R. V. St. Victoi 


18 


— „ J. V. Stella 


19 


— „ Petrarka 


22, 23 


— „ Claramontius 


33 


-^ „ Hobbes . . 


48 


— körperlicher, bei 




Descartes 


. 71 


Schmerznerven bei 




Oppenheimer . 


. 108 


Schopenhauer . . 


. 35 


Schütz, L., ... 


21, 24 


Schütz, Harald . . 


. 28 


Schwegler . . . 


. 34 


Scotus, Duns . . 


. 21 



Scotus, Erigena . . 16 

Sebunde, R. v. . . . 27 
Seele und Körper 

bei Descartes . 66 ff. 

M. passtm. 

Sehnsucht bei Plato 3 

— bei Aristoteles . . 5 
Selbstbeherrschung bei 

den Stoikern . . 7, 8 

— bei Augustin . . 13 
Selbsterhaltung 

bei Telesius . . 25 
Selbstzufriedenheit . . 83 

Seneca Anm. 7 

Seufzer bei Descartes 84 

Shakespeare ... 30 
Siebeck 10,11,20,21, 23,91 
Simplicius .... 15 
Sinne bei Avicenna . . 17 

— „ Hobbes . 39 ff. 

— „ Descartes . . 68 

Socrates 2 

Sorge bei Homer ... 2 
Spannung bei Wundt . 106 
Sphygmograph . . . 105 
Spinoza .... 30, 35 
Spiritisten und Descartes 100 

— und Lebensgeister 108 
Spott bei Descartes . . 83 
Sprache und Affekte 

bei Plato ... 4 

— „ Montaigne . . 27 

— „ Hobbes . . 45, 52 

— „ Wundt . VIII, 105 
Stehnische Affekte . . 12 
Steinitzer .... XII 

Stella, J. V 18 f. 

Stöckl 11, 16, 17,18, 19,20, 

21, 22, 23, 24, 25, 26, 28, 
29, 31 



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— 117 — 



Stoiker 7 u. f. 25, 


26, 


31, 


Unlust b. Hobbes (seelische 


j 


32, 


64 


,91 


und körperliche zu 




Stolz bei Hobbes . . 


. 


53 


unterscheiden) 40, 42 


,47, 


— „ Descartes . 


, 


82 


58, 59, 60, 61, 


102 


Stumpf 




107 


— bei Wundt . . . 


106 


Sympathie bei Baldwic 


i 


106 


Unwillen bei Gott und 
Christus .... 


12 


T. 






— bei Descartes . . 


83 


Tauler 




22 
25 


V. 




Telesius .... 




Temperamente 










bei Hippokrates 




2 


Verachtung bei Descartes 


82 


— bei Galen . . 


10 


11 


— bei Stumpf . Anm. 


107 


— „ Claramontius 




32 


— „ Lange Anm, 


107 


— „ Baumann 




. 2 


Vei-ehrung bei Descartes 


82 


— „ Eisler . . 




2 


Vergnügen bei Homer 


2 


TertuUian . . . 




12 


— bei Charron . . . 


28 


Theophrast . . . 




67 


— „ Hobbes . . . 


51 


Thomas v. Aquino 


20 


21 


Verlangen 




Thränen bei Descartes 




84 


bei Th. v. Aquino 


20 


Thukydides . . . 




38 


— „ Montaigne . . 


26 


Tod bei Hobbes . . 




54 


— „ Descartes . . 


82 


— „ Descartes 




66 


Vermögen der Seele bei 




JbnTofail . . . 




27 


Aristoteles . . . 


4 


Tönnies IX, 36, 37, 


38, 


39, 


— zurückgewiesen von 




53, 57, 58, 59, 60, 


61, 


93, 


Descartes . . , 


83 


94, 


95, 


99 


Verwunderung 




Tugend bei Aristoteles 




5 


bei Aristoteles . . 


103 


— bei R. V. St. Victor 


18 


— „ Hobbes 51, 52, 


59, 


— „ J. V. Stella 




19 




102 


— „ Maimonides 


• 


19 


— „ Descartes 81, 

— „ Baco .... 


102 
102 


u 






— „ Stumpf . . . 


107 


V-/ • 






— „ Lange ... 


107 


Ueberraschung bei 






Verzagung 




Homer .... 


. 


2 


bei Th. v. Aquino . 


20 


Ueberweg .... 


. 


93 


Verzweiflung bei Hobbes 5] 


L,54 


üeberdruss n. Descartes 


83 


V. Volkmar .... 


91 


Unehre bei Hobbes . 




51 


Vorstellungen bei 




Unlust bei Aristipp . 


. 


3 


Hobbes . . 39 ff. 


,60 



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— 118 — 



Vorstellungen 




bei Descartes . 


. 70ff. 


St. Victor, Hugo v. 


. 18 


— Richard v. . . 


18 


Voyage du monde 




de Descartes 


. 100 



Wissbegier bei Plato . 3 
Wohlwollen bei Homer . 1 
WundtVIII,IX, 36,105,106 
Wut bei Homer ... 2 
-— „ Scotus Erigena 16 

z. 



yy . 




Zeller 


6,7,9 


Wehmut bei Christus . 


11 


Zirbeldrüse bei Galen 10, 62, 90 


Weinen bei Hobbes . . 


54 


— bei Descartes 


Wille bei Alcuin . . . 


16 




10, 62, 74 ff., 90 f. 


— bei Avicenna . . 


17 


Zorn bei Homer ... 2 


— „ Anselm v. 




»' 


Plato .... 3 


Canterbury . . . 


17 


i> 


Aristoteles . . 4 


— bei R. V. St. Victor 


18 


»> 


Theophrast . . 7 


— „ Albert d. Grossen 


19 


»> 


Seneca . . Anm, 7 


— „ Th. V. Aquino 


20 


» 


Alcuin ... 16 


— „ van Helmont 


31 


» 


Adelard v. Bath 18 


— „ Hobbes 35, 36, 


39, 


»> 


Maimonides . 19 


42 


59 


t» 


Th.v. Aquino . 20 


— „ Descartes 70, 78 


79 


u 


Montaigne . . 27 


— „ Baumann 36, 


105 


>> 


Claramontius . 33 


— „ Schopenhauer 


35 


>♦ 


Hobbes ... 54 


— „ wundt . vm, 


105 


») 


Descartes . 71, 83 


Willmann . . . Anm 


62 


— » 


Lange ... 107 


Wirbeltheorie 




Zweifel, 


Wert desselben 


bei G. Bruno . . 


62 


bei 


Algazel ... 62 


— „ Descartes . . 


62 


»» 


Descartes . . 62 



^ 



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Lebenslauf, 

Ich, Ludwig Harald Schütz, evan- 
gelischer Konfession, wurde geboren am 10. Januar 
1873 zu Traunstein in Oberbayem. Meine Eltern 
sind Prof. Dr. Harald Schütz in Frankfurt 
am Main und Lotte Schütz, geb. Hilliger. 

Nachdem ich den ersten Unterricht zu Hause 
genossen, besuchte ich in den Klassen Septima bis 
Quinta das Realgymnasium Wöhlerschule, sodann 
von Quinta an das Städtische Gymnasium zu Frank- 
furt a. Main. Hierauf studierte ich von Herbst 1891 
an in Jena und Göttingen Mathematik, Physik, 
Chemie, Naturwissenschaften und Philosophie, war 
zwei Jahre Assistent am physikalischen Institute 
der technischen Hochschule in Darmstadt und be- 
stand am 4. /5. November 1898 vorder Kgl. Wissen- 
schaftlichen Prüfungs-Kommission zu Göttingen die 
Prüfung pro facultate docendi. Von Ostern 1899 



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— 120 — 

bis Herbst 1900 Hilfslehrer an der Ober-Realschule 
zu Oldenburg i. Gr. wurde ich am 1 . Oktober als 
Lehrer für Mathematik und Physik an dieKgl. höhere 
Maschinenbauschule zu Hagen i. W. berufen. 

Im Druck erschien von mir: „Der Eisen- 
hammer", ein technologisches Gedicht des sechs- 
zehnten Jahrhunderts, verf. von Nicolaus Bourbon 
dem Aelteren, übersetzt und erläutert mit einem 
Leben des Dichters und dem lateinischen Original. 
Göttmgen 1895. 

Ich genoss auf der Universität den Unterricht 
der Herren: 

Auerbach, Detmer, Eucken, Frege, 
Haeckel, Kalkowsky, Knopf, Knorr, 
Piltz, Schaeffer (f), Thomae, Winkel- 
mann in Jena 

und Baumann, Bohlmann, Klein, Hilbert, 
Liebisch, Mollier, Nernst, Riecke, 
Schering (f), Schoenflies, Schur (f), 
Voigt, H. Weber in Göttingen. 

Allen diesen meinen hochverehrten Lehrern, 
insbesondere dem Herrn Referenten dieser Arbeit 
Herrn Geheimrat Prof. Dr. Baumann spreche ich 
meinen herzlichsten Dank aus. 



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— 121 — 

Desgleichen bin ich zu Dank verpflichtet: der 
Verwaltung der Kgl. Universitätsbibliothek 
zu Göttingen^ ferner dem Herrn Oberbibliothekar 
Dr. Mosen, als Leiter der Grossherzogl. Hof- 
bibliothek und dem Verwalter der Bibliothek der 
Stadt. Oberrealschule zu Oldenburg, Herrn Prof. 
Dr. Rüthning. 

Zum Schluss sei es mir gestattet, Herrn Bald 
für den korrekten Druck meinen verbindlichsten 
Dank auszusprechen. 



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THI8 BOOK 18 DUE OK THB LAST DATB 
8TAHPED BELOW 



AN INITIAL FINE OF 25 CENTS 

WILL BB A88ES8ED POR PAILURB TO RETURN 
THI8 BOOK ON THE DATE DUE. THE PENALTY 
WILL 1NCREA8E TO 80 CENTS ON THE POURTH 
DAY AND TO $1.00 ON THE 8EVENTH DAY 
OVERDUE. 



UM ' / ^933 



MAR 9 1933 



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OCT 10 1188 



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LD 21-50m-l,'88 



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